Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Das Gestaltende
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 69 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Das Gestaltende 69 die ungeschiedene Materie, die dem schöpferischen Akt unterworfen ist, und der Archeus, der sie zum geistigen Leben zu bilden strebt und dem das Werk doch nie völlig gelingt. Es ist die Not und Notwendigkeit des Einzelnen, das Erlebnis der Grenze, des Unformbaren, des unbewältigten Seelenblocks zu erfahren; aber es ist seine Möglichkeit und sein Aufschwung, die Macht der Formung zu erleben, die dennoch täglich neues Land zu erobern und die Grenzpfähle weiter zu stecken vermag. Die, in und an denen die bildnerische Kraft sich solchermaßen offenbart, die wahrhaft Gestalteten sind die Gestaltenden in der Menschheit. In denen aber die träge Materie obsiegt, die sind das ewige Heer des Widerstrebens. Es ist jedoch so in der Gemeinschaft der Menschen, daß das Geformte nicht reine Gestalt bleibt: daß das Gestaltlose immer wieder in dessen Bereich einbricht und die Form zersetzt. Was einst als ein Sieg des Gestaltenden über das Gestaltlose geschaffen worden ist, das Gemeinschaftsgebilde, die Norm und Ordnung, die Institution, alle die Schöpfung des Geistes ist allzeit ausgeliefert dem entstellenden Einfluß des Gestaltlosen und wird darunter starr und taub und sinnlos, und will doch nicht sterben, sondern bleibt in ihrer Erstarrung und Betäubung und Sinnlosigkeit bestehen, denn sie wird von der Macht des widerstrebenden Prinzips am Leben erhalten. Deshalb ist Gestalten Umgestalten, und deshalb ist der formende Kampf ein Prozeß, der ewig von neuem beginnt. Der Gestaltende führt seinen Krieg nicht allein gegen das Gestaltlose, sondern auch gegen dessen ungeheuren Bundesgenossen, gegen das Reich der verwesenden Gestalt. So ist es denn selbstverständlich und doch ein immer neues Ereignis, daß die Gestaltenden im empirischen Verlauf des Lebens besiegt werden. Es kann nicht anders sein, als daß das Gestaltlose, „der große Krumme", über den Geist im Empirischen siegt. Es kann nicht anders sein, als daß das, was geschaffen wird, wie jene Torsi des Michelangelo ist: Zeugnis des Unbewältigten. Aber wie in den Torsi ist die Niederlage des Geistes nur Schein, die Wahrheit ist sein Sieg. Und in Wahrheit sind, die zusammenbrechen, die verketzert und gesteinigt werden, die ewigen Sieger des Geistes über das Chaos — über das doppelte: das nackte und das in verwesende Form gekleidete Chaos. In Wahrheit sind sie es, die das Gesetz des inneren Geschehens in die steinernen Tafeln graben. Das Judentum ist ein seltsamer, seltsam vorbestimmter Sonderfall dieses ewigen Prozesses. Es ist, als ob diese kleine Gemeinschaft wie ein Beispiel, wie ein Paradigma vor die Menschheit hingestellt wäre: weil in ihr der Vorgang, von dem ich spreche, sich reiner, stärker, deutlicher vollzieht als in irgendeiner anderen Menschengruppe. Es ist, namentlich im letzten Jahrzehnt, oft versucht worden, darzulegen, was das unterscheidende Grundmerkmal, das „Wesen" des Judentums sei. Dieses Wesen wird niemals in einer rein qualitativen Bestimmung gefunden werden können. Was dem Judentum zutiefst zu eigen ist, beruht darauf, daß jene Zweiheit, jene Polarität, die in jeder Menschenseele lebt und die sich, wie ich gezeigt habe, in der Menschheit entfaltet, nirgendwo anders so mächtig und so wirksam besteht wie im Judentum. Im Einzelnen und im Volke; im Volke, weil im Einzelnen. In keinem anderen Menschen ereignen sich so leidenschaftliche, so schicksalvolle und schicksalbestimmende Kämpfe und Entscheidungen wie im Juden. Und in keiner anderen Gemeinschaft gibt es sich wie in der jüdischen kund, daß die Menschen, die sich in sich entschieden, die sich in sich gestaltet haben, die Aufgabe erkennen und auf