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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 67

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Rivalen oder Verbündete?
Date
1916-05-01
Page
67 (sequence 3)
Language
German
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Rivalen oder Verbündete? «7 wenn ein Teil des jüdischen Volkes in seiner wiedergefundenen Heimat ein von Grund aus selbstgebautes Dasein sich gewinnen wird, in dem das Hebräische alle Adern des alltäglichen Lebens durchströmen und daher die Funktionen der jüdischen Umgangssprache völlig ersetzen wird, erst dann und nur für diesen Teil der Judenheit wird der für die Diaspora notwendige Dualismus der Zweisprachigkeit seine monistische Lösung finden« Diese historische Wahrheit scheint aber von den beiden kämpfenden Parteien ganz übersehen worden zu sein. Irrtümlich glaubten sie, daß die Kulturenergie des einen Elementes sich nach physikalischer Gesetzmäßigkeit in die Energie des anderen „umsetzen4' lasse und so nicht verloren gehe. Im Augenblick der höchsten Gefahr macht man aber mit der Volksseele nicht Experimente, die nur in der Welt der Mechanik sicheren Erfolg versprechen. Jede nationale Kraftquelle ist uns bitter notwendig und wir haben kein Recht, unseren individuellen Sentiments und aus» geklügelten Unterscheidungen zuliebe das gefährdete Leben in den Abgrund zu stoßen. Auch ist die Untrennbarkeit des kulturellen Inhalts beider Literaturen nicht bloß eine logische Formel oder ein historisches Schema, sondern findet in der Gegenwart der ostjüdischen Kultur ihre volle Bestätigung. Von der polemisch-publizistischen Literatur abgesehen, stellt sich die zweisprachige Kultur in ihren Gipfeln als ein in der Tat einheitlicher Kulturkomplex dar. Die hebräisch schreibende Hand der Mendele, Perez, Bialik ist von ihrer jiddisch schreibenden nicht zu unterscheiden. Mag Schoiem Alejchem mehr jiddisch und Frischmann mehr hebräisch schreiben — beider Schaffen wird von den Flügeln der einen nationalen Schechina geschützt Die Erkenntnis des notwendigen Zusammenwirkens beider Sprachen scheint sich auch in der politischen Welt des Ostjudentums nach so viel Irrfahrt und innerer Destruktion allmählich durchzuringen. Die bekannte Novemberresolution der Warschauer Zionisten in der Schulfrage hat alle Polonisations- und Germanisationsversuche entschieden abgelehnt und die Forderung einer jüdischen Schule mit jiddischer Unterrichtssprache aufgestellt. Wohl merkt man es dieser Resolution an, daß ihren Urhebern das Zugeständnis des Punktes nicht leicht geworden ist, indem erklärt wird, daß „in den jüdischen Volksschulen Jiddisch die Unterrichtssprache sein soll, wo nicht die hebräische die Sprache des Unterrichtes ist'S Dieser Punkt ist vorsichtig als irierter in ein System von fünf Paragraphen eingebaut; aber immerhin: er steht da und läßt sich nicht wegdisputieren. Und noch viel deutlicher offenbart sich diese altneue Erkenntnis in der Schulpolitik, die die einflußreiche „Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den Juden Rußlands" (mefize haskoloh) jüngst eingeschlagen hat Im Gegensatz zu den alten russifizierenden Traditionen der Gesellschaft und ihrem bis vor kurzem noch unentwurzelbar scheinenden Glaubenssatz, daß wahre Bildimg nur in der Landessprache vermittelt werden könne, beschloß jetzt die Gesellschaft, der sich in den letzten Jahren auch nationale Kräfte in großer Zahl angegliedert haben, für die evakuierten Flüchtlinge neue Volksschulen zu gründen, in denen Jiddisch als die Unterrichtssprache eingeführt wurde und die hebräischen Lehrgegenstände einen ansehnlichen Raum einnehmen. Wohl ertönten auf der letzten Beratung des Petersburger Komitees der Gesellschaft Nachklänge des alten Streites der sich gegenseitig ausschließenden Extremen, keiner dieser Parteien aber gelang es, dieGesellschaft von ihrem als richtig erkannten, neu eingeschlagenen Weg abzudrängen; von Russisch als Unterrichtssprache aber war überhaupt keine Rede mehr. 5*

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