Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Rivalen oder Verbündete?
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 68 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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68 Martin Buber: Als die römischen Legionen vor den Toren Jerusalems standen, dachte der alte Rabbi Jochanan ben Sakkai, daß das alte Lehrhaus Jahne zu seinem ewigen Bestand eines selbständigen weltlichen jüdischen Lebens entraten und auch unter der römischen Aegide sich lind das Judentum bewahren könne. Die jungen Juden Jerusalems aber, die stolzen Zeloten, fühlten, daß jede römisch-jabneistische Kombination eine Gefahr für die Existenz des jüdischen Volkes und auch für die Jabne-Kultur selbst bedeutet. Eine innere Gewalt zwang sie, ihre historische Berufung bis zum letzten zu erfüllen: dem Römer die Tore Jerusalems zu verrammeln. Berlin Max Mayer er von Ihnen in Florenz gewesen ist, der hat gewiß, wenn es in früheren Jahren V V war, in einer künstlichen Grotte des Boboligartens, wenn es in der jüngsten Zeit war, in der Akademie jene vier Torsi des Michelangelo gesehen, in denen in denkwürdiger Art die Form in die Materie versenkt ist. Man fühlt, wie die Idee des Meisters den Block nicht zu bewältigen vermochte, aber man fühlt auch, daß dies nicht eine Unzulänglichkeit des Künstlertums ist, sondern daß hier ein fundamentaler Gegensatz, ein unausgeglichener und unausgleichbarer Widerstreit waltetp daß diese Bildwerke Urkunden eines Kampfes sind: des Kampfes zwischen dem gestaltenden und dem gestaltlosen Prinzip, zwischen dem Prinzip, das Form geben, und dem, das sich nicht formen lassen will. Und das ist ein Kampf nicht allein in der Seele dieses großen Künstlers, sondern wir nehmen hier in Stein gehauen wahr, was als ein ewiger Prozeß durch die Geschichte des Geistes geht. Aus dem Gegensatz dieser zwei Prinzipien, des Gestaltenden und des Widerstrebenden, hat sich allezeit wieder und wieder das Leben des Geistes geboren. Mitten durch ihre Kriege führt der Weg des Geistes in der Menschheit. Ich bitte Sie aber, dies nicht so aufzufassen, als ob, um die Terminologie eines bedeutenden Zeit- und Stammesgenossen, Constantin Brunners, zu gebrauchen, unter dem einen Prinzip die „Geistigen", unter dem anderen das „Volk" zu verstehen wäre. Ich halte diese Terminologie und den dialektischen Radikalismus, der sie geschaffen hat, für einen Irrtum. Ich glaube nicht, daß es solche durch eine größere oder geringere Kluft voneinander gesonderte Menschenklassen gebe, die absolut verschiedene Dfcnkformen oder Denkinhalte hätten. Der Gegensatz, von dem ich spreche, ist denn auch in seinem letzten Grunde für mich kein zwischenmenschlicher, sondern ein Gegensatz in jeder einzelnen Menschenseele, und der große Kampf, der sich in der Geschichte vollzieht, ist nur die Projektion eines sich in der Person vollziehenden,in das Leben der Gemeinschaft. In jedem einzelnen Menschen leben und wirken beide Prinzipien: das Gestaltlose und das Gestaltende, DAS GESTALTENDE Nach einer Ansprache (1912) Aus dem im Jüdischen Verlag erscheinenden Buch „Die jüdische Bewegung. Gesammelte Aufsätze und Ansprachen (1900—1915)".