Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Heft 2 (Mai 1916)
- Article
- Rivalen oder Verbündete?
- Date
- 1916-05-01
- Page
- 66 (sequence 2)
- Language
- German
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66 Max Mayer: als ob die reif gewordene politische Sprachenfrage durch nichts besser gelöst werden könne, als durch eine Entscheidung für die eine und gegen die andere der beiden jüdischen Sprachen. Statt zu begreifen, daß es sich hier um die grandiosen Rüstungen ineinandergreifender, auf gegenseitige Hilfe angewiesener Waffengattungen handelt, hat es der verengte Sinn theoretischer Parteiideologen zuwege gebracht, daß ein Kampf der Erbitterung und gegenseitigen Zerfleischung begann, der das öffentliche Leben auf das Niveau ärmlicher Argumentiersucht und unfruchtbarer Diskussionswut herabdrückt und die Energie des ostjüdischen Lebens mindert Es gibt heute schlechterdings keine ostjüdische Veröffentlichung, sei es Tagespresse, Zeitschrift oder Sammelbucht in welcher nicht offen oder verstohlen, fanatisch oder gemäßigt ein j,VorstoA" gegen eine der beiden Sprachen oder Literaturen versucht wird, und keine Versammlung, deren Diskussion nicht in die Dürftigkeit des Sprachenstreites ausartete« Die ganze Atmosphäre des öffentlichen Lebens ist vergiftet durch eine ins Sinnlose getriebene Dialektik, die sich stets in den Bahnen bloß logischer Konstruktionen bewegt. An die Stelle natürlicher Anschauung ist ein rein theoretisches Gedankenspiel getreten. Die „Hebraisten" sehen mit eifersüchtigen Augen auf das rasche und starke Anwachsen des jiddischen Kulturgutes, die „Jiddischisten" treiben ihre aufreizende Propaganda so weit, daß sie die ganze historische Kultur als unnützen Ballast erklären, von dem man die Schultern der neuen Generation befreien müsse» Jene sprechen von einem „Rumpfnationalismus", der die jüdische Geschichte erst mit dem dreizehnten Jahrhundert beginnen lasse, diese von Hebräisch als der lebensunfähigen Sprache eines veralteten Kultus. Man hat die hebräische Sprache mit dem Ehrentitel „Herrin11 belegt und die Volkssprache zur „Magd" degradiert; man hat die „lebendig gesprochene" der „toten Altertumssprache" gegenübergestellt, hat der Muttersprache des Volkes den Adel abgesprochen und die Sprache der Bibel für „nur insoweit interessierend" erklärt, als ihr Wortschatz im Jiddischen Aufnahme gefunden hat. Man hat die modernen Schriftsteiler und Dichter beider Literaturen gegeneinander abgewogen und ausgespielt. Man hat sogar der Landessprache den Vorzug gegenüber dem Jiddischen gegeben. Kurz man hat alles getan, was darauf hinweist, daß man den wahren historischen Sinn des jüdischen Sprachenproblems völlig verkannt hat. Man hat aber vergessen, daß jede Bresche, die in die Feste der jiddischen Sprache gelegt wird, in der Tat nicht von der hebräischen, sondern von der Landessprache sofort ausgefüllt und daher die Widerstandskraft der Festung schrittweise vermindert wird; und daß andererseits durch das Sichlosreißen von der alten Wurzel unserer ewigen Kultur dem Kampf für unsere Existenz sein Sinn genommen wird. Ein Geschlecht, das in der Fremdsprache erzogen wird, muß sich unbedingt fremde Klassiker zum Vorbild nehmen und so in einer fremden Geisteswelt für eine lebendige Fortsetzung unserer eigenartigen Kultur verloren gehen. Mag ihm dabei mehr oder weniger Hebräisch eingeimpft werden — das Bergab der allgemeinen Entjudung wird dadurch nicht aufgehalten. Das zweite Geschlecht wird auch für diese Impfung kein Verständnis mehr aufbringen. Andererseits stellt eine vom Hebräischen losgerissene und den Quellen des historischen Schaffens entfremdete Judenheit einen Widerspruch in sich selbst dar. Lassen wir die Erfahrung sprechen, so lehrt sie: Niemals hat es eine jiddisch redende Judenheit gegeben, die das Hebräische nicht aufbewahrt und fortentwickelt hätte; niemals hat es eine fremdsprachige Judenheit gegeben, die das Hebräische fortgepflanzt und weiter gebildet hätte. Erst