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Der Jude · 1916-05-01 · Heft 2 (Mai 1916) · p. 65

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Heft 2 (Mai 1916)
Article
Rivalen oder Verbündete?
Date
1916-05-01
Page
65 (sequence 1)
Language
German
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RIVALEN ODER VERBÜNDETE? Es ist noch kein Menschenalter her, daß im ostjüdischen Leben eihe Sprachenfrage aufgetaucht ist, und es ist noch kaum ein Jahrzehnt her, daß die Sprachenfrage zu einem leidenschaftlichen Kampf um die jüdische Schule wurde, der heute im Brennpunkt des gesamten ostjüdischen Erziehungswesens steht. Die Frage der Unterrichtssprache hat die des Lehrgegenstandes und der Lehrmethode so überwuchert, daß es den Anschein erweckt, als sei die ostjüdische Erziehungsfrage beinahe nur eine Sprachenfrage geworden. Seit Hebräisch aufgehört hat, die jüdische Umgangssprache zu sein, gab es für die Juden ein Sprachenproblem. Im Ringen um seine nationale Individualität hat Israel gegen die völlig auflösende Wirkung der Landessprachen immer wieder von neuem aus dem Bereich dieser Landessprache selbst einen Wortschatz im Geist der hebräischen Sprache und der eigenen nationalen Psyche so eigenartig umgeschmolzen, daß ihm daraus eine neue, jüdisch gewordene Muttersprache als Garantie für seine Selbstbehauptung erwuchs. Dieser Vorgang liegt jeder jüdischen Sprachenfrage der Diaspora zu Grunde. Die Bedrohung des jüdischen Volkstums seitens einer fremden Kultur rollt stets dieses Sprachenproblem von neuem auf. Während es in Westeuropa im schlimmen Sinne des fast gänzlichen Sieges der Landessprache über die jüdische Umgangssprache und damit auch über das hebräische Kulturbewußtsein sein Ende genommen hat und den spaniolischen Juden im Orient noch keine ernstliche Assimilationsgefahr droht und daher die Sprachenfrage hier noch nicht reif geworden ist, wütet in der ostjüdischen Welt ein Sprachenkampf, der an Leidenschaft und innerer Erschütterung des Lebens in der Geschichte unserer nationalen Erneuerung fast vereinzelt dasteht. Hier gilt es, der einbrechenden Gefahr, der die westeuropäischen Juden nicht gewachsen waren, Einhalt zu gebieten. Der gewaltige Aufschwung der hebräischen und jiddischen Sprache und Literatur in den letzten Jahrzehnten stellt einen bewußten oder unbewußten Schutzakt gegen den unausbleiblichen Ansturm der nichtjüdischen Landeskultur dar. Es ist die instinktive Mobilmachung des Volkswillens für den unvermeidlichen Entscheidungskampf. Überall sehen wir fieberhafte Rüstung, atemloses Zusammenraffen, Umgießen alten, fast verrosteten Eisenbestandes in moderne Geschützformen, kurz Vorbereitung für die Stunde, wo das Eigene sich gegen eine gewaltige Übermacht wird behaupten müssen. Was aber hat die Kurzsichtigkeit des jüdischen Parteilebens aus diesem klaren Sinn der ostjüdischen Sprachenfrage gemacht! Statt zu erkennen, daß sich die hebräischen und jiddischen Kräfte der ostjüdischen Einheitskultur in edlem Wettstreit gegenseitig befruchten, verzerrten die Parteien dieses natürliche Spiel wechselseitiger Anregung zu einem blutigen Kampf beider Sprachen gegeneinander, gleich Heft 2. K

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