Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bergmanns "Moses" [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 631 (sequence 2)
- Language
- German
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Bücherschau 631 den wir in unserem Leben bewähren sollen, so war Moses sein Meister und Vater: Er hat uns den Kampf vorgelebt; er hat die Lehre in der Tat bewährt." Als Mensch also sollen wir Moses verstehen. Damit ist der größte der Propheten nicht verkleinert, aber dem menschlichen Leser näher gerückt, so beängstigend nahe, daß er nicht ohne tiefste Erregung dieses Buch aus der Hand legen wird. Dies ist ein Mensch wie du: Stelle ihn nicht auf ein Piedestal pietätvoller Bewunderung, vernimm die Mahnung, versteh den Sinn, und lebe! Wieviele von uns sind, die, wenn die Stimme des Ewigen an sie ergeht,wie Mose sprechen: Schicke doch einen andern! Wer hat die Kraft, Gott Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen? Wir besorgen lieber die kleinen Geschäfte unseres Lebens, wollen keine Wahrheit und keine Freiheit, wir ergeben uns, ohne zu kämpfen — dieser Mensch aber, Mose, führt den Kampf gegen die allzumenschliche Kleinheit des Herzens, er wagt es, der Idee ins Auge zu sehen und sieht deren absolute Geltung, die alle Rücksichten verdrängt Diese unmittelbare, erleuchtende Einsicht ist das Geheimnis seiner Kraft. Der Glaube ist die Voraussetzung des Wagnisses; aber auch die Bedingung jeglicher Größe. Das Ewigseiende, Namenlose sendet den Menschen Moses; dieses Letzte, Unbeweisbare ist ihm ein Erlebnis, ein verzehrendes Feuer. Aber Moses ist nicht der „Ritter vom Glauben", der die „Bewegung kraft des Absurden" vollzogen hat, wie Abraham (Kierkegaard), er ist auch insofern Mensch, als er die Anfechtung kennt und immer wieder mit sich selbst kämpft und ringt, der tragische Held, der, wie später Jeremja, von der Last seiner Aufgabe in schwachen Stunden schier erdrückt wird, da er immer wieder die Erfolglosigkeit und Hoffnungslosigkeit seiner Arbeit einsehen muß. Er kennt den Zweifel und die Verzweiflung und den heiligen Zorn, er hadert und rechtet mit Gott, während er dem Volke gegenüber Gottes Botschaft vertritt und seinen Auftrag vollstreckt. Das ist das Übermensch- "che, Paradoxe in Moses Leben, daß er nach außen Gottes Glorie wahrt und in sich selbst beständig Keime des Abfalls sich regen spürt. ünd darum führt er den Kampf gegen sich selbst und führt den Kampf gegen das widerstrebende Volk und führt den Kampf schließlich gegen Gott selbst, der gezwungen werden muß, seine Verheißung zu erfüllen. Einmal reckt er seine Hände gegen den Himmel, Ehrend das Volk in der Schlacht ist, und sie werden „Emunah", was Bergmann aller Philologie zum Trotz, die die Übersetzung „Festigkeit" bereit hat, mit „treuer Glaube" herrlich wiedergibt (ein neuer kleiner Beweis, daß die Bibel nur im Urtext zu verstehen ist). Und später muß er Gott mahnen, erinnern an sein Versprechen, muß für das Volk bitten und schließlich mit dem Aufsagen seines Dienstes drohen, dem er den Tod vorzieht. Und Gott muß nun wieder eingreifen, Moses selbst aber wird ein Opfer der Idee und stirbt, als es vollbracht ist, auf dem Berge am Wege. Das schwerste Werk fürwahr, das im menschlichen Leben gedacht werden kann, war die Aufgabe des Moses: ein Werk der Befreiung. Es gibt aber keine Befreiung denn eine innere: aus der Verstricktheit in die vielen kleinen und kleinsten Zwecke. Daher ist die Forderung des Mose die Hingabe an das Eine, ganz und ungeteilt. Er muß es wagen, das „Glück" der bei ihren Fleischtöpfen Schlummernden zu vernichten, das Volk aus der gesicherten Ruhe in die Gefahren der Wanderschaft zu treiben; in scheinbarem Vertrauen, vom „Wunder" bestochen, in einem Augenblick des Rausches folgt ihm das Sklavenvolk, um nur zu bald ernüchtert zu werden und in die Knechtschaft zurückzusinken. Den Bund der Freiheit vermag es nicht zu schließen, da es das Sichtbare umtanzt; Moses, der große Einsame, muß allein die Höhe besteigen und für das Volk einstehen. Aber er wendet sich zu dem Volke und fordert, was später jeder Große immer wieder vergebens forderte: E n t s c h e i d u n g. Es ist die ewige Frage, die später El ja formulierte: „Wie lange wollt ihr hüpfen auf zwei Zweigen?!" Man kann nicht Gott dienen und dem Mammon. Wer aber sich nicht entscheiden will, von dem gilt das Wort: „Ich weiß deine Werke, daß du weder kalt noch warm bist. 0, daß du kalt oder warm wärest! Da du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde." Gilt das nicht auch für unsMenschen dieser Zeit, deren Merkmal das Sich-nicht-entscheiden-könnenist! Das Gottesgesetz verlangt die Liebe von ganzem Herzen und ganzer Seele, das Sittengesetz kennt keine Halbheit und keine Rücksicht, in der Welt des Geistes gibt es kein Verhandeln und kein Kompromiß. Moses, der vom Geist Berührte, kämpft unerbittlich gegen die Schwäche des Herzens: um die Durchsetzung des heiligen Gesetzes in einem Volke kleiner Menschlein. In unserer Zeit hat man sich einen süßlich-bequemen Begriff der „Liebe" zurechtgemacht und hat ihn durch Berufung auf den Stifter des