Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bergmanns "Moses" [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 632 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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632 Bücherschau Christentums legitimiert. Bergmann zeigt, wie falsch diese Begründung ist, und daß auch das Neue Testament, richtig verstanden, die reine Idee der strengen Forderung übernahm, die dann im deutschen Idealismus, namentlich in Fichtes ethischem Radikalismus, eine neue Gestaltung erhielt und die der großartige Grundgedanke von * Ibsens Dichtung „Peer Gynt" ist: immer wieder stellt sich uns der „Große Krumme" gegenüber, und immer wieder ruft die Stimme des Sittengesetzes: „Mitten durch — sei auch der Weg noch so schwer!" Nur die Menschen unseres Zeitalters haben jenen Zustand zum Ideal erhoben, den Nathan Birnbaum „Fassadengenügsamkeit" nannte, und darum ist gerade unser Geschlecht vor dem Richterstuhl Mosis verurteilt. Alle Größe der Menschheitsgeschichte wächstaus jener tiefsten Wurzel. Wenn Bergmann Zeugen anderer Völker anruft, so geschieht dies nicht zu Zwecken törichter Apologetik, sondern um anzudeuten, daß die tiefsten Probleme menschlichen Seins unabhängig sind von Zeit und „Milieu", die höchstens ihre technische Struktur, nicht ihr Wesen berühren; alle großen Werke des Menschengeistes haben im Grunde denselben Gegenstand, von der ältesten Urkunde des Menschengeschlechtes bis zum Peer Gynt und den Brüdern Karamasoff. Der unvergleichliche Bericht über Moses Leben und Werk, der vielen Tausenden Generationen unseres Volkes die Lehre war, ist ein erschütterndes Dokument menschlichen Ringens um das Gesetz Gottes, das über uns allen schwebt. Er ist uns dargeboten nicht als Gegenstand ästhetischen Wohlgefallens und nicht als Gegenstand heroisierender Bewunderung, sondern zu allgegenwärtiger Mahnung an unser eigenes Menschenlos. Dies will auch Bergmann zeigen. Dies ist ein Grundzug von Bergmanns Schaffen, daß er unter der üblichen modernen Art literarischer Behandlung höchster Menschheitsfragen leidet, die stets dadurch, daß sie einer geistigen Erscheinung höchste Ehren erweist, sich selbst der Pflicht einer eindeutigen Stellungnahme enthebt — etwa die Art jener popularisierenden Darstellungen, die durch die Worte charakterisiert sind: „Wie immer man sich zu diesen Ansichten stellen mag, man wird zugeben, daß eine hohe Gesinnung usw. ..." „Kurz, dem Leser wird eingedrillt, ja keine eigene feste Überzeugung zu haben, überall nur den hohen Gedankenflug zu bewundern und sich's damit genug sein zu lassen, wenn die Gedanken geistreich sind ..." — so schreibt Bergmann einmal in einem Brief; damit ist gesagt, was dieses Buch, die „Worte Mosis", nicht will*). Greifen wir zu diesem Buch! Man wende nicht ein, daß wir solcher Vermittlung nicht bedürfen und lieber zur Quelle selbst zurückkehren sollen. Täuschen wir uns nicht darüber, daß unsere Generation deutscher Juden, in welchem Lager sie auch stehen, den Quellen des biblischen Schrifttums entfremdet ist. Das ist zutiefst beschämend und verhängnisvoll, aber wenn wir Wege suchen, die zu dem Quell unserer nationalen Kraft zurückführen, so wollen wir nicht auf dem Boden ärmlicher und lahmer Apologetik bauen, sondern wir wollen als starke Brücke ein Werk benutzen, das, indem es von Mose spricht, den Geist des Mose atmet. Robert Weltsch *) Als eine mit dem hier besprochenen Buch verwandte Arbeit Bergmanns, die den tiefsten Gehalt jüdischer Religiosität erfaßt und für unser Leben fruchtbar machen will» sei noch auf seine Studie „Die Heiligung des Namens" in dem vom Verein jüdischer Hochschüler Bar Kochba in Prag herausgegebenen Sammelbuch „Vom Judentum" (Leipzig, Kurt Wolff, 1913) eindringlich verwiesen. Berichtigung. In Heft 5/6, Seite 370, Zeile 5 von unten ist statt „Vaihinger" zu lesen: Staudinger. Für die Redaktion verantwortlich: Dr. Max Mayer, Berlin W 25, Düsseldorfer Straße 23. — Für Österreich - Ungarn: Dr. M. Präger, Wien I, Rotenturmstraße 22. — Verlag von R. Löwit, Berlin und Wien. — t ruck von Oscar Brandstetter in Leipzig*