Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bergmanns "Moses" [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 630 (sequence 1)
- Language
- German
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BUCHERSCHAU Bergmanns „Moses" Es ist häufig und insbesondere angesichts des Historismus der neuen Zeit, darauf verwiesen worden, welche Gefahr die Hypertrophie des historischen Sinnes für das Leben birgt; das Streben nach Aufnahme des Wesens, Werdens und Wirkens versunkener Menschheiten hemmt den eigenen Schaffenstrieb, die mühselige Forscherarbeit leitet oft auf Nebenbahnen, wo historische Treue und wissenschaftliche Relevanz die wirklichen Lebenswerte verdunkeln, die Kraft des ewig neu schaffenden, lebendig tätigen Menschengeistes droht, vor der überwältigenden Menge des Überkommenen, zu erlahmen. Sofern die übermäßig historische Bildung unter diesem Gesichtspunkte und nicht etwa von einer die Hegemonie der Naturwissenschaft wünschenden Seite angegriffen wird, wird man dem Vorwurf Berechtigung nicht absprechen können. Gerade das jüdische Volk ist ein sehr gutes Beispiel für dieses Verhängnis; in seinen ^ehrstuben versammelt sich das Volk seit Jahrhunderten um Bücher, den objektivierten Geist der Vergangenheit, und seufzt unter der ungeheuren Aufgabe, diese Vergangenheit in sich aufzunehmen. Die Forderungen des Lebens schweigen; Gottes Stimme, die nie verstummte, wird nicht aus der Fülle der Wirklichkeit gehört, sondern die Kunde von ihr wird aus dem Berichte längst gestorbener Generationen dem Gedächtnis einverleibt. Wenn das Volk aber wieder leben will, so wird es zwar das Lernen nicht aufgeben dürfen, aber es werden, bei aller Ehrfurcht vor dem Heiligen, das die Väter erfuhren und taten, auch die Söhne ihre Aufgabe und ihr Werk an dem der Väter messen müssen. Die Historie wird ihnen dann die nicht unwichtige Lehre sein, von der Nietzsche sagt, daß sie dem Gegenwärtigen zeige, „daß das Große, das einmal da war, jedenfalls einmal möglich war und deshalb auch wieder einmal möglich sein wird; er geht mutig seinen Gang, denn jetzt ist der Zweifel, der ihn in schwächeren Stunden anfällt, ob er nicht etwa das Unmögliche wolle, aus dem Felde geschlagen." Geschichte im Dienste des Lebendigen! Wenn die jüdische Geschichte dem Volk zu einem wahrhaften Erlebnis werden soll, das die Lebenskraft steige rt, so darf ni cht historische Wissenschaft überwuchern, daß der Geist in ihr — wie früher in der Exegese — ertrinkt. Aus unserer Zeit und unserer Not muß das Große der Vergangenheit, ihre Kämpfe und Konflikte in den Bildern unserer Wirklichkeit erscheinen: das Gegenwärtige und das aus fernen Tagen Berichtete durchdringen einander, jedes durch den Beistand des anderen erst sein Wesen offenbarend. In diesem Sinne könnte man von einer Erziehung des Mens chengeschlechtes durch die Historie sprechen, und unser jüdisches Volk bedarf wie irgendeines seiner Heldengeschichten als Erzieher. „Es ist meiner Seele zuwider, das zu tun, was so oft geschieht, nämlich nicht menschlich von dem Großen zu reden, als wären einige Jahrtausende ein ungeheuerer Abstand; ich rede am liebsten menschlich davon, als wäre es gestern geschehen, und lasse nur die Größe selbst den Abstand sein, welcher entweder erhebt oder verurteilt." Dem Geiste dieser Worte Kierkegaards verwandt ist es, wenn Hugo Bergmann in der Einleitung zu seinem Buche „Worte Mosis", auf das ich die Aufmerksamkeit der Leser des „Juden" lenken möchte*), sagt: „ Der israelitische Prophetismus offenbart uns an Mosis Bilde das W e'rden und das Leben des Propheten. Die anderen Großen Israels suchen wir fast nur in ihrer Vollendung, hören aus ihrem Munde das Wort Gottes. Moses ist der Mensch, der in immer erneutem Kampf den Propheten, den Gottgeeinten in sich e r z e u g t. J ene sind es, er wi r d es vor unseren Augen. Er lebt uns das Leben des Propheten vor. Und weil die Bedeutung des Prophetismus vor allem die ist, uns Menschen zu diesem Kampf um die Gotterfülltheit und zum innern Siege aufzurufen, *) Verlag I. C. C. Bruns, Minden i. W. („Die Weisheit der Völker"). 2,50 M.