Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 627 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig 627 nicht aus den Gestalten ihrer geistigen Welt sich die ersten Bilder geformt. Und man kann nicht wie ein Kind nachholen, was man als ein Kind versäumte. Ja, hier setzt die Schwierigkeit ein. In uns alle ist eines Tages der Funke gefallen, der uns heilig erglühen ließ für unsere jüdische Sache. Und schon meinten wir in der Seligkeit des ersten Sturms, die Hauptsache sei getan, die Wandlung vollzogen; schon wähnten wir, von einem neuen Lebensgefühl durchströmt, uns am Ziel. Aber es war erst der Anfang, war noch kein Zurückfinden, sondern nur erst der Antrieb, 2urückzusuchen, heimwärts zu streben. Als halb schon Losgelöster hat man sich neu zu orientieren: abzubauen und zu errichten. Die Direktiven für diese Neuorientierung aber — und das macht den Fall doppelt schwierig — findet man nirgends in der Selbstverständlichkeit des Daseins, dem Heimwärtsstrebenden steht nichts von selbst bereitet: nicht Heimat, nicht Volk, nicht geistige Welt, in die er nun bloß einzutauchen brauchte, um wieder zu Hause zu sein. Alles muß erst erworben werden; die Gemeinschaft will erst erobert sein, in der man zu wurzeln begehrt. Es muß sie erst wieder in sich tragen, wer aus ihr und mit ihr ein Neues zu schaffen strebt. Und welches ist der Weg zu diesem Ziel? Ach, man setzt sich an den Studiertisch und baut sich, während draußen ein anderes Leben geht, aus alten Blättern eine neue Welt. Was man um sich nicht findet, wird aus Lernen und Wissen gezimmert. Die Kraft des Blutes treibt zu halb schon vergilbten Blättern und entzündet den Willen, aus ihnen wieder sich mit dem Geiste der Väter zu durchdringen. Aber was man in Kinder als ein Fundament senken kann — für uns bleibt es ein Bau; etwas Gezimmertes, etwas Errichtetes. Und doch trägt man geduldig Steinchen für Steinchen zum Bau voll der heitersten Hoffnung, für Kommende wenigstens zum natürlichen Fundament gestalten zu können, was uns selber noch mühsam zu erarbeiten blieb. Wir schwebten — und nun stehen wir zwischen zwei Welten: der einen, die ganz einfach durch ihre Existenz uns von Kind auf bestimmt und geformt hat, und der anderen, zu der es uns treibt und die Schritt für Schritt nur gewonnen werden kann. Träger eines Übergangsstadiums sind wir, gezeichnet mit allen seinen Merkmalen. Und von einem Manne solcher Art ist auch der Ritualmord in Ungarn geschrieben. Was er gibt, ist ein Zwitter aus ursprünglicher Kraft und gedanklicher Blässe. Im seligen Taumel des ersten Sturms ergriff er den Stoff und etwas davon leuchtet noch aus der Art seines Griffes. Aber was ihm vorschwebte, nun auch zu gestalten, versagte die Kraft. Die Urspünglichkeit reicht nicht mehr hin, das Bildungserlebnis setzt ein — und was herauskommt, sind Gedanklichkeiten. Was dieser Autor ganz aus sich hätte geben können, ohne einen immerhin gelehrten Apparat, das wäre etwa . ♦ . wie einer, der die Novellen um Claudia schrieb, dazu kam, den Ritualmord in Ungarn schreiben zu wollen. Hat er nicht selbst schon an Ähnliches gedacht? In seinem „Geschichtenbuche" (das im wesentlichen farblos ist und nur gelegentlich die besondere Note gerade dieses Richters aufweist) steht auch die Geschichte eines jüdischen Intellektuellen aus Rußland, der eines Tages, seines europäischen Daseins überdrüssig, von Paris aufbricht, nach Palästina überzusiedeln. Und wenige Stunden vor dem endgültigen Auft>ruch hört er in Deutschland noch einmal Musik: ein Quartett von Arnold Thonberg. Aus diesen Klängen steigt leuchtend in ihm dies ganze Europa auf, das er nun doch einmal unvergänglich und unvergeßlich in sich trägt. Er gibt 42*