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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 626

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Arnold Zweig
Date
1917-01-01
Page
626 (sequence 11)
Language
German
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626 Gustav Krojanker: Bedenken abgelehnt habe. Denn es ist gar nicht einzusehen, weshalb gerade an dieser Stelle über „zionistische Pointe" und theoretische Meinung sich einer sollte ereifern dürfen, der eben noch über „sakrale Geistigkeit" ein Gerede gemacht hat. Ihm scheint wirklich erst ein Licht aufgegangen zu sein, als der Autor so deutlich wurde, daß auch dem Naivsten eine Ahnung zu dämmern begann. In Wahrheit sind ja auch all die anderen symbolischen Szenen nur theoretisches System in Bildern; von dieser letzten kaum inhaltlich, geschweige dem Wesen nach verschieden. Eine Art zionistischen Gedankensystems ist hier in Symbole gebracht, das fertige Gerüst einer Theorie mit Bildern behängt. Das Wort Palästina ist deutlicher als das Wort Schechina; das Bild von dem Knaben, der Bauer werden soll, deutlicher als das von den schwachen Schultern, auf die ein ganzes Volk gelegt ist — aber der Grundgedanke bleibt derselbe hier wie dort. Babä Einwand gegen die letzte Szene trifft auf alle Szenen symbolischer Art zu. Ich sehe in ihnen keine Dichtung, aus der natürlich auch Gedankliches leuchtet; sondern Gedanken, dichterisch umkleidet. Alles in allem: Handlung und Gehalt in diesem Drama sind getrennt; und wie das bei solcher Trennung nicht anders möglich ist, sinkt der Gehalt zum theoretischen Beiwerk, zum begleitenden Text herab. Eine Gemeinschaft soll vor uns erstehen; aber sie wird mehr in den symbolischen Szenen erörtert als in der Handlung gezeigt; man sieht sie weniger, als daß man über sie allerhand Beachtenswertes hört. Beinahe eine Vorwegnahme der nachträglichen Arbeit des Kritikers, was unsereinen nicht etwa nur der Arbeitsteilung wegen ärgert. Nicht anders eben konnte der Dichter diese Gemeinschaft uns bannen, als wie er sie selber erlebte. Jüdische Menschen hinzustellen und durch sie Sehnsucht und Größe dieses Volkes zu gestalten; ihren Mythos nicht als Form zur Umkleidung von Gedanken, sondern lebend und webend im Sein dieser Menschen zu geben — wie leicht ist doch solche Forderung. Aber wie soll der sie erfüllen, der jüdische Menschen kaum kennt, geschweige daß er selbst in ihrem natürlichen und ursprünglichen Kreise verwurzelt wäre? Wie soll der sie erfüllen, dem Sage und Mythos dieses Volkes nicht von Kindheit vertraut, sondern erst spätes Bildungserlebnis ist? Um etwa das Schicksal irgend einer Bauerndirne wie der Rose Bernd, irgend eines Knechtes wie des Fuhrmanns Henschel für die Ewigkeit zu gestalten, bedurfte es zwar vor allem einer dichterischen Kraft, wie sie in Hauptmann lebt, aber doch auch des innigen Zusammenhangs mit dem Leben solcher Menschen, den Bedingungen ihrer Existenz; war doch auch notwendig, daß um ihn es von der gleichen Erde dampft, die jene trägt und bedingt. In unserem Falle will einer Juden malen mit ihren Qualen und ihrer Sehnsucht, mit ihren materiellen Bedingtheiten und ihrer geistigen Welt. Ob zu solchem Vorhaben seine Dichterkraft reicht, weiß ich nicht. Aber fest steht, daß einer nicht Menschen lebendig hinstellen kann, die er nur halb wie ein Fremder gesehen; daß er sie nicht selbstverständlich in einer geistigen Welt kann leben lassen, deren Luft er nicht von Kindheit geatmet, die er sich erst spät durch Denken, Erkennen und Wissen vermittelt hat. Handlung und Gehalt in diesem Drama sind getrennt — nicht einer Stilisierung, sondern der Art wegen, in dei der Autor diese Welt erlebte; nicht aus einer Tugend, sondern aus einer Not. Er ist nicht zwischen jüdischen Menschen durch die Kindheit gegangen, hat

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