Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 628 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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628 Gustav Krojanker: deshalb seine Reise nicht auf, aber nun weiß er, daß er sich nicht für die Dauer abwenden kann, sondern wiederkehren wird. Das ist nur eine Skizze. Aber sie enthält das Problem, das durch das ganze Werk dieses Dichters wie mehr oder weniger durch unser aller Leben geht. Träger eines Übergangsstadiums; zwischen zwei Welten. Und deshalb lautet die Forderung an jeden in unseren Kreisen, ob er nun gestalten will oder nicht: wahr zu sein; bei der Stange zu bleiben; nicht eine Entwicklung als schon abgeschlossen vorzugeben. Es ist doch kein Zufall, daß die „Novellen" — künstlerisch gewertet — ein vollkommeneres Werk sind als der „Ritualmord"; mehr aus einem Guß. Wir können nun einmal an die Dinge nicht anders heran, als mit der Wesensart, die wir in uns haben; nicht aber mit der, die wir ersehnen und zu der wir streben. Was ist jüdisch am Gesamtwerk dieses Autors? Keine andere Antwort darf hierauf gegeben werden als diese: sein Problem. Das schließt dafür aber auch um so entschiedener jede Verwechslung aus. Dies Problem in dieser Form kann wirklich nur einem Juden unserer Tage gestellt sein. Jeder Versuch hingegen, aus der Anschauungsweise eines einzelnen Werkes (oder gar aus seiner Form) die Jüdischkeit des Autors demonstrieren zu wollen, könnte mit genau gegenteiligen Ausführungen widerlegt werden, die ganz ebenso richtig oder unrichtig sind. * * * Wenn ich ein Dichter wäre — ich wüßte, was ich zu gestalten hätte. Vor mir zöge im Schreiben die täglich wachsende Schar derer, die vor dieselben Probleme sich gestellt sehen. Und ich malte sie so wie sie sind: mit dreitausend Jahren auf dem Buckel und einer jugendlichen Kraft des Wollens ohnegleichen; mit unbestechlicher Hellsichtigkeit des Bewußtseins und dem dunklen Drängen des Blutes; mit all den Mießigkeiten aus Schlauheit, Verfeinerung und Überkultur und jener letzten aufrechten Geradheit, wenn es darauf ankommt. Ich malte sie in all ihrer Halbheit zwischen zwei Welten; beiden gleichermaßen zugeteilt durch Blut und Milieu. Wie draußen das Leben geht und sie in den Strudel zieht; wie sie die Mauer errichten und dahinter die Welt, die sie brauchen, um einst leben zu können, frei und selbstverständlich, gleich anderen. Wie die Kraft versagt, der Wille erlahmt, und wie sich wenige durchsetzen, treue Hüter der einmal empfangenen Glut, Ahnen . . . Ich gäbe nicht viel darauf, das Endbild zu zeigen, das aus Traum und Sehnsucht schon jeder sich selber formt. Aber uns, uns wollte ich malen, den Brüdern ein Helfer zu sein auf dem Wege. Wie ein Grüßen sollte es aus meinen Zeilen an die erklingen, die um dasselbe sich quälen und Zeit und Kraft hergeben . . . wofür? Für eine Zukunft, um die wir mit ach! so schwachen Kräften bemüht sind, und an die wir doch glauben müssen, um unser selbst willen. Nichts wollte ich vom Endziel in dichterischer Begeisterung vorwegnehmen, sondern mit erbarmungsloser Hellsichtigkeit zeigen, was ist. Und doch durch das Ganze etwas wie ein Jauchzen tönen lassen, daß wir es sind, denen bestimmt ist, diese Last zu tragen, durchstrafft zu sein vom Verantwortungsgefühl, im Kampfe zu stehen um Sein oder Nichtsein ... Dies würde ich zu gestalten versuchen. Wie aber die Dinge nun einmal liegen, bleibt nichts übrig, als in Hoffnung auf die zu sehen, die hierzu berufener sind. z. Z. Schwedt a, O. Gustav Krojanker