Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 625 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig 625 liehen Helden der Weg zu bäuerlichem Dasein auf palästinensischem Boden gewiesen wird, als zionistische Schlußpointe und theoretische Meinung des Autors die unnötig und störend angehängt sei, abzulehnen.*) Hierzu dürfte sich einiges bemerken lassen. Stil hin, Stil her. Ich will nicht fragen, ob diese Stilisierung neuartig, noch ob sie schön ist. Beides gesetzt, verlange ich um so' dringender zu wissen, woher sie kommt, aus welcher inneren Notwendigkeit gerade diese Form und keine andere gewählt wurde. Man denke die symbolischen Szenen hinweg. Was bleibt? Eine recht spannende Handlung. Ein Mord ereignet sich, dessen Täter so lange mit Gemeinheit und Niedertracht das Verbrechen auf andere wälzt, bis zum Schluß eine Untersuchung an Ort und Stelle die Unschuld der Angeklagten ergibt Eine Mordtat, Gerichtsverhandlungen, Verschleierungen und Entlarvung — ich wüßte keinen spannenderen Stoff. Und gespannt war ich von Anfang bis zu Ende, aber durch diese Szenen zuinnerst bewegt auch nicht an einem Punkt. Wie kommt das? Ich denke, um wahrhaft zu ergreifen, müßten uns ganz bestimmte Menschen, konkret umrissen, so nahegerückt wer-" den, daß wir mit ihnen leiden und jubeln. Und es müßte bei alledem ihr Leid und ihr Jubel einen Gehalt in sich tragen, der den einmaligen Fall von gestern zu einem allgemeinen und ewigen macht. Hier aber tragiert ein Haufe von in der Gesamtheit wie einzeln kaum gezeichneten Menschen den speziellen Fall. Wo man sie in der Handlung sieht, bleibt ihre Charakterisierung auffallend äußerlich. Gewiß, es sind Juden, weil sie als Juden ihr Schicksal erleiden, weil sie über jüdische Dinge reden und weil einmal sogar ein Sederabend veranstaltet wird. Aber das ist nicht viel mehr, als jeder Außenseiter auch geben könnte. Aber nun kommt, was ich vermisse, durch die symbolischen Szenen in reichstem Maße zum Ausdruck. Durch sie wird das einmalige Ereignis zu einem von ewigem Gehalt; durch sie wird das Wesen dieser Gemeinschaft beleuchtet, im Leiden und Hoffen, Handeln und Tragen. In ihnen schwingt der Dichter sich auf und läßt mit Schimmer und Licht durchströmen, was in den übrigen höchst nüchtern, real und gestrig sich ereignet. Aber um ehrlich zu sein: mein Empfinden war — kraß formuliert — allemal dies: Drama mit eingelegten Essais; Lichtbilder mit begleitendem Text. Ich will mich durch die hochstehende Sprachkunst dieser Szenen nicht über ihr Wesen täuschen lassen, das darin besteht, theoretisch nebenher zu geben, was der Autor durch die Handlung selbst nicht zu gestalten vermochte. Mir jedenfalls würde es größer ^scheinen, wenn aus Reden und Tun schlichter und erdgebundener Menschen etwa die tragische Doppelgestalt des Juden erhellte, als wenn im Mondschein EUjahu verschwindet, von hinten anzuschauen wie Jacob Pfefferkorn, sein Bruder und Widerpart. Mir würde es lieber sein, wenn aus dem Verhalten dieser bieder ^schränkten Landjuden etwa von selbst eine Größe leuchtete, die die Möglichkeit zu besserem freien Leben in sich trägt, als wenn im Himmel ein Baalschem dem Helden den Weg zu bäuerlichem Dasein in Palästina weist. Und ich finde es recht auffällig, daß Julius Babs kritischer Scharfblick gerade bei dieser Szene Ansetzt. Übelmeinende könnten dadurch zu der Schlußfolgerung verführt werden, daß er hier mehr auf Grund eigener Stellungnahme als künstlerischer *) Neue jüdische Monatshefte Nr. 2. Heft 9,