Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 624 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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624 Gustav Krojanker: sehr geradlinige Welt mit sehr starken Affekten; aber das erforderte schlichteste Linienführung bei höchst einfacher Psychologie. Und dafür müßte dieser Stoff von irgend einer Seite her mit der ganzen Kraft einer Leidenschaft gepackt, müßte die Geradlinigkeit dieser Vorgänge durchglüht werden vom Hauch einer ganzen und wollenden Persönlichkeit. Gibt die Vergangenheit des Autors Gewähr für solche Gestaltung? So müßte denn die neue Kraft, die dem Nabal noch ungestaltet als Idee zugrunde lag, sich durchgesetzt und zu selbständiger Formung gedrängt haben. Dann liest man und im Lesen faßt einen starke Freude. Lag wohl vor dem Autor, da er schrieb, das Büchlein, das seine Familiengeschichte enthält? Nur daß er inzwischen gelernt hat, Besseres aus ihr herauszuholen als Verneinung. Wieder rauschte durch ihn das Blut vergangener Generationen, und wieder erkannte er sich als losgelöst, in der Schwebe und ohne Stütze. Aber diesmal wird eine Bejahung daraus und eine höhere als die der Novellen. Es entstand die Sehnsucht, dem Erdreich wieder näher zu sein, um ursprünglicher und stärker von seinen Kräften durchströmt zu werden; die Sehnsucht, aus seiner Isolation wieder in die Gemeinschaft sich zu retten, von der er doch einst seinen Ausgang nahm; die Sehnsucht zur Rückkehr aus einem Gefühl der Verbundenheit, aus einem Zugehörigkeitsgefühl. Ein abgetriebener Intellektueller sucht zurück. Und wenn dies die Formel für sein neues Lebensgefühl ist: es muß ein Mann mit seinem Volke leben ..., so ist der ,,Ritualmord" seine Gestaltung. Darum ergriff dieser Autor diesen Stoff. Und darum ergriff er ihn so grundsätzlich anders als jeder andere Bearbeiter ihn ergriffen hätte. Was sahen wir sonst auf deutschen Bühnen an Stücken jüdischen Inhalts? Das belanglose Schicksal Einzelner, die mit ihren astavistischen Eierschalen nicht recht fertig werden können. Und im Hintergrunde einen milden Mann, der Toleranz predigt Hier aber wird das Schicksal eines Volkes gegeben. Der Einzelne verblaßt; eine ewige Gemeinschaft geht über die Szene. Ja, hierin scheidet sich das Stück ganz wesentlich von allen anderen deutscher Sprache, die je jüdische Dinge zu gestalten versuchten. Dieser Dichter sah nicht nur die Not des Judeseins in einer feindlichen Umwelt, sondern er hat zuinnerst die Qual und die Wonne gespürt, Glied eines unvergänglichen Volkes zu sein; und durchstrafft ist er von dem Verpflichtungsgefühl, das solche Zugehörigkeit gibt. Er kommt vom Gemeinschaftsproblem, in dem er selbst voll leidenschaftlichen Anteils steht Und das gab ihm den Wurf. Der einmalige Fall dieses Prozesses, geführt zwischen einzelnen Menschen, ist gesehen als eine ewige und notwendige Begegnung zwischen anders gearteten Gruppen. Es kommt aus dem Lebensgefühl dieses Dichters, daß es hier vom Schicksal eines Volkes rauscht, dessen Strom uns trägt Aber — verwünscht, daß man ein Aber hinterhersetzen muß — das leuchtet zwar aus der Anlage des Ganzen; das verspürt man zwar in jeder Szene als Wollen des Dichters und dankt ihm dafür, aber schließlich hat es doch mehr Stimme als Gestalt gewonnen. Dies Drama hat nämlich eine höchst eigentümliche Form, indem der Gang der realen Begebenheiten allenthalben von symbolischen Szenen umrankt und durchsetzt wird. Der Kritiker Julius Bab hat gemeint, dies als ein „Ineinanderfließen von brennender Realität und sakraler Geistigkeit", das fast einen neuen Stil schaffe, bezeichnen zu müssen. Was ihn allerdings nicht hinderte, die letzte Szene symbolischer Art, in der dem jugend-