Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 623 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig 623 Nabal wuchs aus derselben Stimmung wie die Gestalt des einsamen Chronisten zu Palästina. Die beiden ähneln einander: zu klug, sich in den Strudel zu stürzen; zu losgelöst zur Hingabe an diese Menschen und an dies Leben, Aber der eine ging noch aus der Welt mit einem Achelzucken; verantwortungslos und alle Schuld auf die vor ihm wälzend; jenseits von Gut und Böse. Der andere endet . . . nicht weil er so ist, sondern weil es eine Schuld ist, so zu sein. Er stürzt sich ins Schwert, weil ihm etwas aufdämmert von seiner Todsünde am heiligen Geiste der Menschheit. Das ist der Unterschied. Der Unterschied — und der gewaltige Fortschritt. Denn unter solchem Gesichtswinkel konnte nur sehen, wer Absonderung und Loslösungselber als Schuld, wer es als strafbar empfunden hat, hochmütig jenseits zu stehen, sich zu bewahren und durchzubilden um seiner selbst willen. Dazu bedurfte es eines heilig verpflichtenden Gefühls der Zugehörigkeit, das nur haben kann, wer selber den Anschluß gefunden hat. Es muß ein Mann mit seinem Volke leben . . . Hier ist die Brücke, die von den Novellen zum Nabal führt. Hier ist der Blitz. Und hier liegt für mich die Bedeutung dieses Dramas. Wie war mir doch dieser erschienen? Als einer, der von der allgemeinen Menge — der treibenden und getriebenen, der handelnden und leidenden — geschieden ist wie eine Tierart von der anderen, ohne Möglichkeit der Verständigung; verbunden mit den Großen darüber, deren Sohle im Erdreich wurzelt, nur durch genießendes Nachempfinden; selber aber in der Luft schwebend, durch einen schwierigen Apparat zwischen beiden gehalten. Und (muß ich hinzufügen) nicht einmal als Mittler geeignet, infolge einer durchaus eigenartigen und nur dem relativ kleinen Kreise gleichfalls Schwebender zugänglichen Gehirnkonstruktion. Mit allerhand schätzenswerten Eigenschaften zweifellos begabt, aber ein für allemal ausgeschlossen; eigene Zirkel ziehend, von oben und unten gleich weit getrennt. Nun aber ist der Durchbruch erfolgt. Nun ist ausgesprochen, daß es den alten Nabal in sich zu überwinden gilt. Noch allerdings lebt er. Denn es läßt sich nicht übersehen, daß seine Gestalt mit viel mehr Liebe und Sorgfalt gezeichnet ist, als sein Zusammenbruch, der zwar in der Idee des Ganzen durch: aus begründet, doch im einzelnen unausgeführt bleibt; daß also doch offenbar stärker noch und ausdrucksreifer war, was ist, als was sein soll. Die Überwindung ist noch nicht vollzogen, wird völlig sich niemals vollziehen lassen. Aber sie wird angestrebt; sie bezeichnet die Richtung und gibt einen neuen Weg frei. Und von hier aus fassen wir dies Drama als ein Übergangswerk und alles in allem: als den menschlichen Durchbruch des Autors. * * * TT ' ' ' Und eines Tages hält man einen dünnen Band in Händen, der den Titel trägt: Ritualmord in Ungarn. Man entschließt sich nicht gleich, ihn aufzuschlagen, sondern überlegt zuvor, was er enthalten könnte. Ritualmord in Ungarn... Also doch wohl die Dramatisierung jener historischen Begebenheit, in der sich wieder einmal unter uraltem Vorwand der Haß eines Volkes gegen die Juden Vehrte. Hier also müßte Gemeinschaft gegen Gemeinschaft stehen: auf der einen Seite der instinktive Haß einer dumpfen Menge mit ihren Roheiten und die besser motivierte Ablehnung einer gebildeten Schicht mit ihren humaneren Niederträchr Reiten; auf der anderen Seite die Jämmerlichkeiten erliegender Schwächlinge Und die heroische Größe in sich gefestigten Duldertums. Aber das wäre eine