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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 622

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Arnold Zweig
Date
1917-01-01
Page
622 (sequence 7)
Language
German
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622 Gustav Krojanker: sächlich. Denn dieser Mann ist ausgeschlossen. Und sein Bekenntnis ist zu wenig motiviert, um glaubhaft zu wirken. Woher dann diese Melodie? Hier (hofft mäh) sprengt der Autor den sich selbst gesetzten Rahmen. Hier spricht einer, der mehr ist und anders als seine Gestalt. Und nun wartet man voll Zuversicht auf das Mittelpunktserlebnis, auf den Blitz, der ihn nicht verharren und noch einmal ein Nein wird sagen lassen, um zu höheren Stufen der Bejahung zu führen. * * * Hätte man nach einer Aufführung des Dramas „Abigail und Nabal" von Amts wegen diktatorisch sich zu äußern, man müßte — und wenn es einem das Herz zerrisse — man müsste sagen, daß dies Drama mißlungen ist. Schön der Titel, schriebe man, ist irreführend. Denn tatsächlich wird das Drama des Nabal gegeben, zu dem die Abigail nur Mittel sein sollte. Daß sie tatsächlich zwischendurch ihr eigenes Drama tragiert, läßt sich bei einem so bewußten Autor von solcher Könnerschaft nur dadurch erklären, daß auch ihm im Schreiben ein neues Erlebnis dazwischen kam und den ursprünglichen Plan verwirrte., Dies müßte man der Wahrheit gemäß feststellen. Und hierauf vor einer sprachlichen Meisterschaft sich beugen, die nur manchmal in ihrer Stilisierung zürn biblischen Hebräisch hin des Guten ein wenig zu viel tut (die noch mit den Regiebemerkungen ihr Spiel treibt). Ui>d zum Schluß würde man die Frage aufwerfen, ob eine so komplizierte und modernster Betrachtung entstammende Psychologie sich wirklich gerade in biblischen Gestalten am besten verkörpert; ob nicht zwischen diesem (hervorragend gezeichneten) Milieu und diesen Gefühlen ein Widerstreit besteht, der gelegentlich fast erheiternd anmutet. Auf diesen Blättern aber gedenkt man liebevoll des Nabal und der Tatsache seines Unterganges. Wer ist dieser Nabal? Individualist in letzter (nicht mehr möglicher) Potenz. Einer, der stolz, frei und einsam in eisige Höhe ragt. Sein Ziel: Bewahrung seines Ich; sich durchzubilden, von äußeren wie inneren Bedingungen völlig ungehemmt. Eine Königskrone wird ihm gereicht — er schlägt sie aus. Die ganze hingegebene Liebe eines seltenen und wundervollen Weibes wird ihm geboten — er stößt sie beiseite. Eine Königskrone, d. h. die Macht zu tätiger Wirksamkeit, ist ihm verächtlich. Ist nicht der Tätige schon beim zweiten Schritt Knecht seines ersten? Und wenn er den ersten noch in Selbstherrlichkeit tat, muß er nicht schon beim zweiten seiner Tat sich hingeben und in ihr sich selbst verlieren? Und nun vollends ein Weib. Gerade die Beseelung, Entselbstung und Entstarrung, die das Wesen der Liebe ist, will er meiden. Er sieht in der Liebe nur das Bindende und Bedingende, das vom Ziel Ablenkende. Vom Ziel? Aber dies Ziel ist sein Ich. Und hierin liegt eine doppelte Todsünde. Wenn es etwa die Schuld eines Borkman ist, die Liebe eines Weibes gemordet zu haben, so tat er es doch um einer Sache willen. Aber dieser erschlägt auch die Sache um seiner selbst willen. An dieser doppelten Untat geht er zugrunde. Auch der völlig einem außerpersönlichen Ziel Geweihte kann erliegen, weil es wider die Menschennatur ist, über die Leichen zu schreiten, die jede unerbittlich verfolgte Sache nun einmal erfordert. Aber er geht doch nicht von hinnen, ohne wenigstens in etwas den Sinn des Lebens erfüllt zu haben. Und seine Sünde kann aufgewogen werden durch das, was er trotz allem vollbrachte. Dieser Nabal aber, der sich selbst Sache war und Eigenzweck, geht schlechthin zugrunde. Und nichts bleibt von ihm als das Gedenken an eine Schuld und ihre Bestrafung-

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