Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 621 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig 621 Maßstab zugrunde, den du dir durchaus nicht brauchst gefallen zu lassen? Protestiere doch; stell mich doch bloß und zeige auf, wie ich hämisch und boshaft nur immer die Kehrseite betonte. Ja, du hast recht: man kann jede Art Mensch in Grund und Boden kritisieren, wenn man an ihn einen Maßstab legt, der ihm nun mal nicht gemäß ist Es ist eine gemeine und bequeme Methode, über alles und jedes den Stab zu brechen. Was sollst du dich kleiner machen lassen als du bist, nur weil ich dich gern größer möchte? Glaube nur, auch ich verstehe mich auf jene freundliche Gerechtigkeit, die beide Seiten sieht und sehr verständig einer jeden ihr Teil zumißt. Aber an dir bin ich zu solcher Betrachtung nicht uninteressiert genug. Ach, wenn ich dir nur nicht so nahe wäre . . . dann könnte ich viel eher etwa deiner zärtlichen Güte rühmend gedenken, statt vorneweg zu betonen, daß jene Güte mir weniger der Liebe, die aus umfassender Kraft kommt, als der freundlichen Abgeklärtheit deines beträchtlichen Alters zu entstammen scheine. Dann könnte ich viel ruhiger mit dir an gepflegten Tischen gepflegte Gespräche führen; hörte gerade noch einmal so gern mit dir Musik und könnte keiner lieberen Neigung folgen als an herbstlichen Tagen mit dir durch die bunte Pracht absterbender Wälder zu ziehen. Du bist mir nicht fern genug zu alledem. Ich hasse und liebe dich: diese untersetzte Gestalt mit dem buschigen Haar und den unentschlossenen Mundwinkeln. Ich fühle in dir Blut von meinem, von unserem Blute. Und deshalb will ich dich anders als du bist. Deshalb pfeife ich auf deine jämmerliche Anständigkeit, deine elende Klugheit, deine schwächliche Güte und deine beklagenswerte Verfeinerung. Anblasen möchte ich dich, Mensch, daß unter dem Hauch meines Atems eine Kraft in dir aufwallte, nicht mehr von Bewußtheit gehemmt; daß es dir zu eng würde in deinen erlesenen Räumen und daß vor einer neuen Leidenschaft alle Stimmungen und alle Gefühlchen in ein Nichts sich verlören. Anblasen — wenn mir nur selbst die Kraft solchen Atems gegeben wäre ... Ja, nun ist er älter geworden, der sich einst das Todesurteil sprach. Alles Unreife und jugendlich Überspannte, alles phantastisch Errechnete ist von ihm abgeglitten. Nun gibt er ein reifes und formvollendetes Werk. Dieser Stürmer gegen sich selbst hat die Empörung verlernt; er ist reifer geworden und der Verneinung überdrüssig. Jetzt spricht er ein rückhaltloses und fast zärtliches Ja zu sich selbst Aber dies Selbst trägt eine Brille, ist Privatdozent und empfängt seine stärksten Erschütterungen mittelbar durch Bildungserlebnisse. Und diesmal ist die Darstellung schon zu reif, als daß man noch meinen könnte, auch dies würde eines Tages völlig von ihm abgleiten. Hier ist bereits ein Faktor, der als feststehend einzustellen bleibt. Immerhin: nur ein Faktor. Es ist (ganz zu schweigen von dieser bescheidenen und gütigen Art) in dieser Gestalt eine gewisse Haltung, von der man noch nicht recht weiß, worauf sie sich stützt. Und erst, wenn man daraufhin noch einmal die schon gelesenen Seiten durchblättert, gewinnen zwei Worte Bedeutung, die einem vorher nur unvermittelt und überraschend erschienen waren. Das eine spricht Claudia, wie er seine Unfähigkeit zu körperlichem Spiel hinter erlogener Geistigkeit zu verbergen trachtet, — das befreiende Wort: Aber Sie sind ja gar nicht ausgeschlossen, Herr Doktor. Und das andere gibt er in plötzlichem Bekennen: es müsse ein Mann mit seinem Volke leben wie die Frau mit ihrem Kinde. Und unvermittelt und überraschend wirkt das in diesem Rahmen tat-