Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 620 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ö20 Gustav Krojanker: abgerungene Klarheit, wie sie mithalf, aus dem stürmenden Goethe den entsagenden zu machen, sondern eine, die da ist von Anbeginn und unerbittlich herrscht vom ersten Tage, da man zu sich selber kommt. Durch ihr Tor muß erst passieren, was aus uns strömt oder in uns Einlaß begehrt. Sie steht als Wächter und erhebt als Steuer den besseren Teil. Denn ist nicht das Beste schon verrauscht und für ewig vorbei, ehe wir zerlegt, gesondert, bewertet und eingeordnet haben? Andere reißen an sich und nehmen dahin. Aber neben unserer Freude steht immer gleich stark die Qual; uns wird noch die letzte Kraft jedes Schmerzes durch Verständnis gebrochen. Kein ursprüngliches Fassen und Lassen, sondern geregelt nach den Bedingungen eines höchst komplizierten und schwierigen Apparats. Hinter allen Erlebnissen steht etwas wie eine Angst, als wären sie fähig, in jedem Moment eine Existenz zu zersprengen. Und sie täten es auch, setzte nicht immer noch rechtzeitig eine sehr verwickelte Maschinerie ein, zu ordnen, zu schlichten und zu bewahren. Ach, lieber Dr. Rohme, ich möchte nicht eine Hochzeitsnacht erleben, wie die deine . . . Sehen ist gut und erhellt; aber zu scharf sehen, wirkt lähmend und trübend. Macht nicht auch dies uns im Handeln so schwach und unfähig zur Tat? Im rechten Moment das Rechte zu greifen, ist nicht Resultat gescheiter Erwägung, sondern des Praktikers instinktive Begabung. Wem sag' ich das? Dem Dr. Rohme gewiß nicht: der sicher mit Neid noch auf den letzten Mechaniker sieht, wenn er — anerkannt und in Geltung — mit einem Druck seiner Hand höchst sichtbare Wirkung übt. Nun gut. Mögen andere Waren über den Erdball werfen; Menschenschicksale bestimmen; das Tempo der Zeit durch Erfindungen beschleunigen — kann nicht lächelnd dabeistehen, wem ein Gott zwar das Handeln versagte, dafür aber gnädig die Kraft des Schaffens gewährte? Laß deines Daseins Leistung sehen, lieber Doktor. Zeig vor, was du einer tätigen und schaffenden Umwelt als Legitimationspaß deiner Existenz vorzuweisen hast. Zeitschriften zeigst du mir ... Aufsätze sehe ich aus deiner Feder. Laß sein, ich mag sie jetzt nicht lesen. Ich glaube dir auch ohnehin, daß das, was da in sauberen Lettern gedruckt steht, sehr fein und sehr durchdacht, daß es das Produkt eines ernsthaft, zum Letzten strebenden Geistes ist. Ich sehe hier die kritische Zerlegung eines Begriffes; hier die Darlegung einer Gedankenwelt aus vergangener Epoche — und will ohne weiteres annehmen, daß deine Auffassung und Anordnung an Schärfe des Eindringens und Fähigkeit der Nachempfindung ihresgleichen sucht. Ach, mein Guter, so sitzen wir also in unseren geheizten Zimmern, zwischen Bücherreihen an unseren kultivierten Schreibtischen — und solche feinen und zerbrechlichen Dinge sind es, die wir als Extrakt unseres Daseins herausdestillieren. Es bleibt ein Jammer. Laß nur keinen Windstoß durch deine Räume fahren; er könnte dir deine Papiere in Unordnung bringen. Keine Sorge, es steht nichts zu befürchten. Denn was vermag wohl ein Windstoß? Schon sammelst du deine Papiere wieder, glättest sie und weisest ihnen mit ordnendem Verstände ihren Platz. Und daß ich es dir nur gestehe: wie du nun etwas hilflos und in zärtlichster Sorge durch deine runden Brillengläser siehst; wie du mit ernstester Gewissenhaftigkeit ein Blatt zum andern legst und dann mit bedächtiger Hand unter letzter Anstrengung des Geistes und mannhaft innerem Ringen weiter Zeile für Zeile schreibst — möchte ich deine Rechte greifen und dir sagen, wie lieb du mir bist. Warum auch nehme ich dich nicht wie du bist, sondern lege einen