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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 619

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Arnold Zweig
Date
1917-01-01
Page
619 (sequence 4)
Language
German
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Arnold Zweig 619 esses, als wären jene Freunde und lebendige Gegenwart. Unter Spiel und Traum wird Claudias gedachtes Bild von Blut durchströmt, und ihre Züge wandeln sich zu sehr vertrauten. Da strafft sich das Spiel zu beschleunigterem Tempo, bis daß es heiter und im Marschtakt den Abschluß findet Was hilft das alles? Ja, wenn man ein Genießer wäre . . . wenn man sich zufriedengeben könnte, so zu sein und nicht anders — man würde den Mann bejubeln, der auf eine reife und vorbildliche Art dies „So sein" zu gestalten vermochte. Da man aber über sich hinausstrebt und ein Ziel vor Augen hat, hebt man erbarmungslos das kaum Genossene ins Bewußtsein, geht zum Schreibtisch, formt an Worten, die sich zuerst nur widerwillig fügen, und schreibt dann, bald im Zuge, dies: Novellen um Claudia . ,. In Wahrheit solche um Dr. Walter Rohme, den. kleinen Privatdozenten und Kunsttheoretiker. Sie ist nicht mehr als das immerhin zufällige Thema, an dem jener sich darstellt. Sie ist gesehen und alles an ihr möglich; er aber erlebt und alles an ihm notwendig. Ich könnte mir sie anders denken — und noch bliebe das Buch dasselbe. Er aber bleibt der Mittelpunkt, der auch um das Geringste nicht verschoben werden darf, soll nicht das Ganze sich ändern. Sie lebt in seiner Welt, nicht er in der ihren. Minutenlang scheint es, als malte hier endlich einer das Zueinander und Auseinander zweier Menschen, in Anziehung und Abstoßung, in Liebe und Haß, frei von der Dazwischenkunft des leidigen Dritten. Aber selbst, wo dies geschieht, bleibt es nur mit ein Thema unter anderen für den einen, der aus seiner Art und nur aus seiner die Begebenheiten herleitet, der aus sich und nur aus sich ihnen Farbe und Leben verleiht. Ich sehe ihn vor mir, leibhaftig und mir ganz vertraut von der rührenden Bewegung, mit der er hilflos die Brillengläser putzt, bis zu dem schwierigsten seiner schwierigen Gefühle. Und ich soll nun meinem leidigen Beruf nachgehen und über diese Existenz, in die ein Dichter sein Blut verströmte, mein Diktum fällen. Was mach* ich nun mit dem Manne? Soll ich ihm meine Rechte bieten als höchst sympathischem Zeitgenossen? Es ließe sich wohl die kultivierte Art, die durchdachte Feinheit, das verhaltene Maß oder die zärtliche Güte dieses Mannes zur Grundlage nehmen, um rühmend viel Wesens davon zu machen. Denkbar aber wäre auch, daß mit kraftvoller Tinte ihm einer zu Leibe rückte, daß von der Warte überlegener Männlichkeit jemand diese Existenz brandmarkte als zu schwach zum Handeln, zu durchdacht zum Schaffen, zu zerbrechlich für starke Gefühle und als mindestens dreitausend Jahre alt. Beides muß ich dem Kritikus überlassen, der sich hinreichend außerhalb fühlt, je nach Standpunkt und Neigung ein abgerundetes Urteil zu fällen. Aber unsereinem bleibt nichts übrig, als resigniert die Achseln zu zucken und halb zärtlich, halb bitter zu sprechen: Ja, so sind wir . . . Ach, laßt euch nicht täuschen von dieser kunstvollen und gepflegten Welt um uns und in uns. Die ward errichtet nicht aus Lebensüberschwang, hinter den sich ein bildender Wille setzte, zu formen und zu mäßigen, sondern aus Lebensschwäche, die nur im durchdachtesten Maß, in temperiertester Feinheit ihre Existenzmöglichkeit findet. Glaubt nur, es geschah aus Not. Keine Götterlieblinge sind wir im Goetheschen Sinne, denen die Unendlichen alles ganz geben, Freude wie Schmerz. Uns haben die Götter vor jede Fülle Hellsichtigkeit gesetzt und Klarheit des Bewußtseins noch in verlorensten Momenten, Aber nicht jene drängender Fülle

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