Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 617 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Arnold Zweig 617 gemacht. Und all dies als ein Auf und Ab mit kaum merkbarer Entwicklungslinie, was den großen Vorzug hat, wahr zu sein. Diese wenigen Seiten sind ein Meisterstück: im ganzen stark ergreifend, ohne im einzelnen Ergreifendes zu geben. Hier referiert über menschlichste Dinge ein entrückter Chronist mit knapper Sachlichkeit und unbestechlich in seiner Wahrhaftigkeit. Ein ganzes Leben — wie unseres — ein Wollen und Versagen — gleich unserem — in einen Satz gefaßt: das packt mehr als Bände. Nun deckt alles der Rasen, denkt man; wozu haben diese gelebt? Die Antwort ist trostlos. Dazu, daß ein später Enkel, eben der Chronist, nicht mehr leben kann, daß er in souveränem Verstehen und wissend bis ins letzte, außerhalb aller Gemeinschaft steht. Hier beginnt für den Kritiker ein neuer Teil. Aus der Niederung führt es ziemlich unvermittelt zu Gipfelhöhen. Aus der Dunkelheit dieser Generationen steigt einer ans Licht, der Vater des Referenten, und bezahlt schon den vollen Tribut des Hochgestuften. Ein berühmter Dramatiker, der zeitweilig körperlichen Schwächezuständen unterliegt; der letzte Seelenregungen mit letzter Schamlosigkeit bloßlegt; ein Künstleregoist, der noch das Weib in der Tochter als Beobachtungsobjekt mißbraucht. Von ihm führt die Linie mit mathematisch errechneter Genauigkeit zum Sohn. Auch der Vater schon körperlich bedingt; auch er schon ein Sezierer, aber doch dem Leben noch verknüpft durch die törichte Freude am schönen Spiel, das Gestaltung heißt; durch die Kraft, die dazu gehört, und den beneidenswerten Mut zu etwas Schwindel, der zum Leben wie zur Gestaltung letzen Endes unerläßlich ist. Und gerade hierdurch vom Sohn geschieden. Der Vater zerlegte, konnte aber noch zusammenfassen; der Sohn ist Nur-Sezierer. Der Vater durchschaute, aber doch noch durch den schirmenden Schleier von blauem Dunst; der Sohn sieht ohne diese Milderung nackt, hart und unbarmherzig. Und der Vater wußte noch nicht von so völligem und hoffnungslosem Erliegen des Körpers, wie dieser Sohn. Der steht nun mit einer kühlen und gesicherten Hoffnungslosigkeit, die unheimlich ist und erstarren macht, als ein Gipfel am Ende der Reihe, als ein Losgelöster außerhalb aller Gemeinschaft der Lebenden. So fern allem gewöhnlichen Menschentum, daß ihm nicht einmal mehr das Zusammenleben mit der Schwester als Schamlosigkeit zugebilligt werden darf. Läßt sich diese Trostlosigkeit noch überbieten? Dem Autor scheint so; er setzt mit wahrer Wollust noch einen Trumpf darauf. Denn dies rettungslose Gipfelprodukt lebt in Palästina, von dem wir die Verjüngung erwarten. Das ist wie eine ablehnende Gebärde gegen den letzten trostreichen Einwand. Das ist, als ob einer vor dem Erschießen sich noch schnell einen Strick um den Hals täte. Man kann nie wissen; doppelt hält besser. Dies also, denkt man im ersten Augenblick mit Schrecken, ist unsere Jugend; so etwas fühlt ein Dichter unserer Kreise, da er zu schreiben beginnt. Getrost, man erholt sich. Das Gedächtnis schweift etwa zu der gesänftigten Herrlichkeit jenes abseitigen Virtuosen, der die „Hoffnungslosen Geschlechter" schrieb. Wißt ihr nun, wie es in jemandem aussieht, der, von den Generationen vor ihm bis ins letzte gezeichnet, den qualvollen und sieglosen Kampf kämpft? Wieviel stärker und zerrüttender muß der in sich selber gelitten haben, der dies gestalten konnte, als einer, der bequem und errechnet mit dem Unterliegen beginnt. Es ist nicht nur ein Unterschied in der Gestaltungskraft, es ist einer im Erlebnis. *n Wahrheit ist schon der Vater ein Gipfel, der Sohn eine errechnete Unmög-