Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Arnold Zweig
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 616 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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6i6 Gustav Krojanker: ARNOLD ZWEIG (Tagebuchblätter eines Kritikers) Tch wünschte wohl, wir hätten zu Hause eine Ahnengalerie gehabt. Oder aber, JLes hätten sich in dem alten Schreibtisch vergilbte Blätter gefunden, liebevoll bewahrt und übersichtlich geordnet, von all den Gestalten vor mir, deren jede irgendwie in meinem Blute lebt, Kunde zu geben. Nicht etwa, weil ich unter ihnen eine Reihe bedeutender oder auch nur dekorativer Gestalten vermutete, vor denen das eigene mit Skepsis betrachtete Ich sich gehoben und gerechtfertigt fände, sondern weil es für unsereinen einfach zum Zwange wird, eines Tages sich auf die Ahnensuche zu begeben. Füf unsereinen . . . denn selbstverständlich ist es nicht, daß am Anfang junger Menschen die Rückschau steht. Selbstverständlicher wäre es, wenn einer unbekümmert wie um die Schranken der Gegenwart, so auch um alles, was aus der Vergangenheit bindend und bedingend in ihm lastet, glühend die eigene neue Welt sich zu errichten strebte. Wir aber schauen zurück, weil wir uns irgendwie am Endpunkt einer Reihe fühlen, weil uns die eigene Existenz fragwürdig geworden ist, und weil wir nun — rückwärts gewandt — auf diese Frage Antwort suchen. Und nun grübelt man über eigenen Erinnerungen, über Bruchstücken halb schon vergessener Erzählungen; sitzt gebeugt vor dem alten ledergebundenen Album mit dem silbernen Schloß, das nicht mehr funktioniert, sitzt und schaut, bis man vom Schauer erfaßt wird, wenn man in den Augen dieser verschollenen Frau, in der Gesichtsbildung jenes unbekannten Mannes sich selber wiederzufinden vermeint Klarer und heller sieht sich selbst in Grenze wie in Vermögen, wer es derart unternimmt, den Kräften nachzuspüren, die Säfte abzuleiten, die er rege in sich weiß. Es ist, als braute einer, bewußt und kundig, den Homunculus, der er selber ist. Aus solchen Betrachtungen fällt dann wohl die Entscheidung: ob einer sich ein für allemal am Ende fühlt, als letztes Glied, oder ob er noch hinreichend Kraft in sich spürt, seinerseits Ahne zu werden: ob er sich endgültig verneint oder bejahend in die Zucht nimmt. In solcher Stimmung beginnt der Dichter Arnold Zweig sein Werk; und seine erste Antwort ist ein Nein. Auch ihn trieb es, eines Tages sich seine Ahnengalerie selbst zu malen. Und die Bilder, die vor ihm erstanden, hat er festgehalten in einem Büchlein, betitelt „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer". Über eine Familie Klopfer? Jeder von uns mag diese Blätter getrost unters seine Papiere legen und als eigene Familiengeschichte bewahren. „Klopfers sind aus Rußland nach Deutschland gekommen; niemand weiß mehr, wann und wo". Das ist der Anfang. Und nun steigt vor uns aus wohlverdienter Dunkelheit eine breite Masse mittelmäßiger Existenzen, die hart um ihr bißchen Leben ringen, vorwärtskommen, oder irgendwo am Wege liegen bleiben. Kernige Menschen voll Zielbewußtsein neben erliegenden Schwächlingen; muntere Kommis neben Träumern mit einem leisen Hang zum Aufstieg; alles durcheinander; alles Dutzendware. Juden in der alltäglichen Art ihres Seins wie nach Beruf und sozialer Stellung; gleichgültig, ob sie noch selbstverständlich im Judentum leben oder es nur mehr tragen als äußeres Gewand. Nirgends wird ein Gerede davon