Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 613 (sequence 6)
- Language
- German
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 613 sieren und im Einvernehmen mit den maßgebenden Faktoren des Landes in den zweckmäßigen Wirkungskreis zu stellen. Während dieser Übergangszeit gilt es jedoch früh genug die Bedingungen für die Gesundung und Stärkung des Wirtschaftslebens der Juden in der Zukunft zu schaffen. Zu diesem Zwecke wird es einer wohldurchdachten, großangelegten organisierten Tätigkeit bedürfen, in deren Dienst sich alle jüdische Wohlfahrtspolitiker ohne Unterschied der Parteizugehörigkeit stellen sollten und die darauf wird bedacht sein müssen, bei Rücksichtnahme auf die historisch gewordenen, spezifischen, der Förderung würdigen Fähigkeiten und Erwerbsrichtungen der Juden, deren Ökonomik in das organische Gefüge der Volkswirtschaft des Landes einzugliedern. Es wird zunächst nottun, die jüdischen Institutionen zu zweckmäßiger Wohlfahrtspflege zusammenzufassen und mit der maßgebenden Leitung der Wirtschaftspolik des Landes zu einem Einvernehmen zu gelangen, um das Erwerbsleben der Juden in Galizien möglichst ohne Reibungen in die richtigen Bahnen zu lenken. Wir haben oben gesehen, daß die an der Besserung der Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens interessierten Organisationen, die wohl von den besten Absichten geleitet sind und einen großen Aufwand an Kapital und Arbeit leisten, dennoch nicht die gewünschten Erfolge erzielen konnten. Zum großen Teil dürfte dies darauf zurückzuführen sein, daß die Organisationen einerseits vielfach nicht nach einem einheitlichen Plane gemeinsam, miteinander, sondern, um nicht zu sagen aneinander vorbei, doch nebeneinander, also gewissermaßen zersplittert arbeiten und andererseits ihre Tätigkeit im Wesen, von außen her, nicht im Lande selbst, nicht in unmittelbarer Berührung mit den lokalen Faktoren entfalten. Daher wird sich die Notwendigkeit ergeben, dahin zu wirken, daß die jüdischen Wohlfahrtsorganisationen sich über ein gemeinsames, einheitliches Programm für die Gesundung des Lebens der jüdischen Bevölkerung Galiziens verständigen, wobei sowohl die Kultusgemeinden im Lande, als auch die hervorragenden jüdischen Wohlfahrtspolitiker ohne Rücksicht auf ihre Parteistellnng mitzuwirken hätten, daß ein sämtliche Wohlfahrtsinstitutionen gemeinsam repräsentierendes Organ (ein Vollzugausschuß) geschaffen werde, dessen Tätigkeit in das Land verlegt und das, arbeitsteilig eingerichtet, einträchtig mit den lokalen jüdischen Faktoren und in steter Fühlungnahme mit der maßgebenden Leitung der Wirtschaftspolitik des Landes, mit der bereits erwähnten wirtschaftspolitischen Landeszentrale, (der Landesgewerbekommission) wirken würde. Die anzustrebende, auch für die kulturellen Aufgaben des Judentums in Ga- Hzien notwendige Zusammenfassung der Kultusgemeinden in einen Landesverband mit einem besonderen Organ würde in der Folge von bedeutsamem Einfluß auf die Tätigkeit jenes Wohlfahrtsausschusses sein. Die Richtlinien für die Wirksamkeit dieser zusammenzufassenden Wohlfahrtsorganisationen dürften sich aus der Erkenntnis der tatsächlichen Verhältnisse und der Entwicklungstendenzen und Hemmungen ergeben. Immerhin mögen die wichtigsten und dringendsten Aufgaben angedeutet werden. Neben der intensiv zu betreibenden Volkspflege im weitesten Sinne des Wortes, der Fürsorge für die zahlreichen Kriegs- und Flüchtlingswaisen, der Kinderpflege, der Krankenpflege, des für die Bekämpfung des Geburtenrückganges unmittelbar bedeutsamen Mutterschaftsschutzes, der „Wochenhilfe", einer rationellen Woh-