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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 612

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
Date
1917-01-01
Page
612 (sequence 5)
Language
German
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612 Abraham Korkis: während des Krieges, geltend machenden Entwicklungstendenzen, zusehends dem ökonomischen Verfall entgegengeht. Es hat sich gezeigt, daß die Zusammenpferchung der Juden in den Städten und Marktflecken auf die gesamten Lebensverhältnisse, auf die Geburtenfrequenz, auf die Wohnungs- und Konsumverhältnisse drückt und gewissermaßen eine Auslese unter der jüdischen Bevölkerung für die Auswanderung trifft. Wir haben erkannt, daß die ungünstige Gestaltung der Wirtschaftslage der Juden nicht etwa auf deren Faulheit oder auf deren Meiden schwerer Arbeit — lehrt doch die Beobachtung nicht nur in anderen Landern, sondern gerade in Galizien, daß die Juden im Gegenteil oft die schwersten und widrigsten Arbeiten nicht scheuen und daß insbesondere z. B. die Katögorie der jüdischen sogenannten „Lohnarbeiter wechselnder Art", der bekannten „Luftmenschen", sehr zahlreiche Schwerarbeiter (Lastträger, Hadern- und Knochensammler, Arbeiter in den Petroleumgruben, bei der Reinigung der Rohölreservoire, bei der Löschung von Grubenbränden u. dgl.) aufweist — sondern auf die in der geschichtlichen Entwicklung begründete einseitige jüdische Ökonomik zurückzuführen ist. Unsere Darstellung hat denn auch die traurige Perspektive eröffnet, daß wir es beim Übergang zur Friedenswirtschaft in Galizien mit einer an Zahl erheblich verminderten und einer weiteren Verminderung entgegengehenden, körperlich geschwächten, mit zahlreichen Krüppeln, Witwen und Waisen belasteten, zumeist des Erwerbes und der Erwerbsmöglichkeit beraubten jüdischen Bevölkerung zu tun haben werden. Die gewonnene Erkenntnis der tatsächlichen Lage und der merkbaren Entwicklungstendenzen müßten nun entsprechend nutzbar gemacht werden, um das Wirtschaftsleben der Juden in Galizien auf eine neue, festere Grundlage zu stellen. Bei dieser notwendigen wirtschaftlichen Erneuerung wird es sich nicht so sehr um äußere Hilfe, als vielmehr um die eigene Kraftsteigerung der Juden und der jüdischen Institutionen, nicht um humanitäre Aktionen, sondern um zweckmäßige, wirtschaftspraktische Arbeit, um zielbewußte Organisation der Wohlfahrts-, nicht der Wohltatsbestrebungen handeln. Es wird vor allem darauf ankommen, die jüdische Ökonomik vielseitiger zu gestalten, die Überleitung von dem Kleinhandel und dem Kleingewerbe in andere den Anforderungen der Zeit und des Landes mehr entsprechende Berufe zu fördern und ein wirtschaftliches Gleichgewicht unter den verschiedenen Gruppen des Volkes innerhalb seiner Siedlungen herzustellen. Die unleugbaren wirtschaftlichen Fähigkeiten der Juden dürften zunächst in der Zeit des Überganges von der Kriegszur Friedenswirtschaft im Lande Gelegenheit finden, verwendet zu werden. Die wirtschaftlichen Aufgaben, vor welche das von dem Kriege schwer heimgesuchte, seiner produktivsten Kräfte verlustige Land bei Wiederkehr des Friedens gestellt sein wird, werden so zahlreich und mannigfaltig sein, daß bei vernünftiger, weitschauender, auf das wahre Interesse des Landes bedachter, vorurteilsloser Wirtschaftspolitik alle leistungsfähigen Bürger willkommen sein sollten, daß infolge dessen der Bedarf an solchen Kräften das Angebot übersteigen dürfte und daher eine Auswanderung überschüssiger, im Lande nicht verwendbarer Kräfte kaum in Frage kommen sollte. An dieser wiederaufbauenden Tätigkeit werden sich wohl in erster Linie diejenigen beteiligen können, welche schon die entsprechende Eignung und Vorbereitung mitbringen. Doch wird es notwendig sein, diese Kräfte zu sammeln, zu organi-

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