Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 611 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Die wirtschaftliche Lage der Juden in Galizien 6 Ii jüdischen Bevölkerung kennen zu lernen und Aktionen einzuleiten, welche, auf die Bekämpfung der Not und die Hebung des Wohlstandes der Bevölkerung abzielen. So hat die Israelitische Allianz in Wien für die Erhaltung von Kindergärten und Volksschulen gesorgt und neben der, Baron Hirsch-Schulstiftung zur Hebung der Bildung unter den Juden beizutragen gesucht . In analoger Weise hat auch der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin gewirkt. Der Hilfsverein für die notleidende jüdische Bevölkerung Galiziens hat* eine großangelegte Tätigkeit entwickelt, um unter der ärmeren jüdischen Bevölkerung Hausindustrie zu verbreiten und ihr einen Erwerb aus eigener Hände Arbeit zu ermöglichen. So wurde die Spitzenhäkelei, die Spitzenklöppelei, die $yeißstickerei, die Erzeugung handgenähter Damenwäsche, die Filetspitzenerzeugung, die Haarnetzerei und einige andere Hausindustrien unter der jüdischen Bevölkieryng Galiziens eingeführt und gefördert. Wenn nun auch nicht geleugnet Renten kann, daß die Tätigkeit des Vereins auf die jüdische Bevölkerung Galiziens einen wohltätigen Einfluß sowohl in sittlicher als auch häufig in materieller Beziehung ausübt, so darf man doch nicht verkennen, daß die propagierten Hausindustrien, welche übrigens zumeist den Wandlungen der Mode unterliegen, für die Hebung der wirtschaftlichen Lage der Juden und namentlich für deren Überleitung zu differenzierter industrieller und gewerblicher Arbeit von geringer Bedeutung sind. , Einige der genannten Wohlfahrtsgesellschaften haben auch die Ausbildung der Juden in der Gärtnerei, in dem Gemüsebau u. dgl. zu fördern gesucht.; . Die J. C. A. hat vor einiger Zeit die Initiative zur Veranstaltung von .wiederholten Besprechungen der an der Besserung der Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens interessierten außerhalb Galiziens bestehenden Vereine gegeben, um die Hauptzüge für die Organisation und für die Richtung der Hilfeleistung festzulegen. Auf Grund dieser Besprechungen waren Schritte eingeleitet worden,,um eine Landesorganisation für das Hilfswerk in Galizien zu schaffen. Im Zusammenhang mit diesen Bestrebungen stand die von dem galizischen Landesausschusse zu Beginn des Jahtes 1911 veranstaltete Enquete über die Lage der jüdischen Bevölkerung Galiziens, an der Kenner der wirtschaftlichen Verhältnisse des Landes und auch der jüdischen Bevölkerung teilnahmen, die sich ttit den Problemen ernstlich und eingehend befaßte und deren Ergebnis in der Folge zur Gründung eines Landesvereines („Samopomoc": Selbsthilfe) für, die Mitwirkung an dem von den genannten Organisationen beabsichtigten Hilfswerk geführt hat. ~ , .7_ . Innere Zerklüftung, Mangel an Gemeinsinn und vielleicht auch nicht genügendes Verständnis und Interesse für die Tragweite der Aufgaben haben jedoch diese Organisation nicht in Wirksamkeit treten lassen. ' s ,r . 7- . ' . . Das Ergebnis unserer Untersuchung läßt sich dahin zusammenfassen, daß das Erwerbsleben der Juden in Galizien sich auf wenige Berufe stützt und sie überfüllt, daß namentlich einige Gruppen des Kleingewerbes und des Kleinhandels v°n den Juden zu stark besetzt sind und daß gerade der Kleinhandel, in dem die Juden besonders zahlreich vertreten sind, wegen der Rückständigkeit girier Form, wegen der unzureichenden finanziellen, technischen und organisatorischen Fundierung, angesichts der sich immer mehr, mit größter Intensität