Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Galuthproblem im Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 606 (sequence 6)
- Language
- German
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6o6 Heinrich Margulies: existieren und sich entwickeln zu können, ist irrig. Ähnlich wie mit jenen beiden Staaten geht es mit dem Galuthjudentum: es mag krank und in unseren Augen dem Tode geweiht sein, in Wirklichkeit besteht es und wird weiter bestehen. Es hat allen Anschein, als ob die Natur selbst ihre Zöglinge gegen die Verelendung in Schutz nähme: alle Untergangstheorien scheitern daran, daß der Patient stets neue Formen findet, sich den drohenden Verhältnissen anzupassen, und jene mimicry zu treiben, die ihm sein Leben rettet. Das russische Judentum hat sich in Amerika ein großartiges Gebäude modernster Art geschaffen, das mit den wirksamen Werkzeugen der neuen Zeit ausgestattet ist und den Kampf gegen die Umwelt mit sichtlichem Erfolg aufnimmt. Was hindert, daß auch das befreite Judentum sich in Rußland und in Polen ein ähnliches Arsenal an Gewerkschaften, Genossenschaften, Schulen, Presse und politischer Geschlossenheit schaffe? Die Entwicklung ist als wahrscheinlich vorauszusehen. Die wirtschaftliche Anpassungsfähigkeit der Juden ist ja eine so ungeheure, daß sie sich selbst unter den bisher so widrigen Umständen bewährte. Nun, unter den geänderten Verhältnissen, wird es nicht einmal besonderer Anleitung seitens der Westjuden bedürfen — die Vermittlung von Kenntnissen und tatsächlichem Material allein dürfte genügen. Vielleicht muß man in der ersten Zeit mit der Psychologie der Verängstigung rechnen, sodaß man den noch nicht an Bewegungsfreiheit Gewöhnten ein wenig mit Initiative nachhelfen muß, aber auch dies wird von kurzer Dauer sein, da die Ostjuden im „Bund" und in den Poale-Zion schon über eine stattliche Anzahl gut vorgeschulter Kräfte verfügen, sodaß diesen aus dem Osten organisch geborenen und ihm vortrefflich angepaßten Organisationen dort zweifellos eine große Zukunft bevorsteht. In der Tat ist in ihnen hauptsächlich, wenn nicht ausschließlich jener Faktor zu sehen, der dem Verelendungsprozeß am wirksamsten begegnet, ihn aufhebt und in sein Gegenteil verwandelt. Denn die eigentliche Notlage der Juden besteht meist darin, daß sie veraltete Wirtschaftsformen gegenüber ihrem Wirtsvolk bewahren wollen, so in Polen, wo der Kampf der polnischen Genossenschaften gegen den (jüdischen) Zwischenhandel als Kampf gegen eine überlebte Wirtschaftsform geführt wird; so auch in Deutschland, wo die Großbank den (jüdischen) Privatbankier, wo der Aktienbetrieb den meist jüdischen selbständigen Unternehmer verdrängt. Aber im Bund und in der poale-zionistischen Organisation hat das russische Judentum Körperschaften, die sich selbst schon die modernere Wirtschaftsform zu eigen gemacht haben und sich in ihren Dienst stellen; sie eilen den Dingen voraus und verharren nicht mehr in aussichtsloser Verteidigung vorzeitlicher Bollwerke. Ja, man wäre sogar versucht zu sagen, daß eine Verelendungstheorie, wenn überhaupt, eher auf Deutschland anzuwenden wäre, wo das Judentum tatsächlich nicht mehr die Macht hat, all jenen wirtschaftlichen Erscheinungen zu begegnen, die langsam aber sicher eine Expropriierung und Hinabdrängung der Juden zur Folge haben müssen: der Monopolisierung (beispielsweise des Getreidehandels, die den ganzen reichen jüdischen Getreidehandel vernichten würde) der Konzentrationsbewegung in der Großindustrie, die mehr und mehr zu judenreinen Riesenbüros führt, und der aufblühenden Genossenschaftsbewegung, im Osten dagegen besteht alle Hoffnung, daß dort, wo ja die jüdischen Kräfte noch ungebrochen sind, eine gutgeführte Mobilisierung bisher unterdrückter Tendenzen zu ähnlichen den Verfall hemmenden, die Entwicklung fördernden Erscheinungen führen wird wie in Amerika.