Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Galuthproblem im Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 607 (sequence 7)
- Language
- German
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Das Galuthproblem im Zionismus 607 Die Theorie vom kranken Mann im Galuth hat also abgewirtschaftet. Man muß mit ihm rechnen, muß ihn in das eigene Betätigungsgebiet mit einbeziehen und ihm, wo es notwendig ist, sein Fortkommen erleichtern. Diese Hilfe kann, wie schon angedeutet, weniger in Aktionen als in Vermittlung von Wissen bestehen. Ich habe im Osten einsehen gelernt, daß es dort keine wichtigere Frage gibt, als die Schul frage. Nicht in dem Sinne allerdings, in dem diese Frage von vielen Zionisten zum Propagandagegenstand gemacht wird: lediglich im Interesse der hebräischen Sprachentwicklung. Es ist selbstverständlich und bedarf keiner Begründung, daß es auch ungeheuer wichtig ist, den geistigen Abfallstendenzen durch eine gesteigerte Hebraisierung zu begegnen. Aber das kann und darf nicht der ausschließlich leitende Gesichtspunkt sein. Es gilt, Schulpolitik zu treiben, um Wissen zu vermitteln, denn nichts ist den stets auf gefährdeten Posten stehenden Juden unentbehrlicher, um sich zu behaupten. Wissen: nicht nur von jüdischer Sprache, Geschichte und Literatur, sondern von all den Dingen* die der im modernen Leben Stehende braucht: Wirtschaftslehre, Genossenschaftswesen, Handels- und Sozialpolitik. Die Juden sind im Osten gegenüber ihrer Umwelt hinsichtlich des bei dieser erschreckend vorherrschenden Analphabetentums jetzt schon weit im Vorteil. Hier ist ein Boden, der reiche Früchte tragen wird. Schule und Presse — um diese Begriffe dreht sich unsere ganze Arbeit im Osten; doch wohlgemerkt: national geleitet, aber nicht zum Zwecke der nationalen Agitation, sondern allein zu dem allumfassenden Zweck, den jüdischen Organismus als solchen lebens- und widerstandsfähig zu erhalten. Und wo eine wirtschaftliche Existenz gesichert ist, braucht man um das Ideelle nicht Sorge zu haben. * Nennen wir es eine Revision oder eine Ergänzung oder eine Erweiterung des Zionismus: sie muß kommen. Der Zionismus darf sich heute nicht mehr darauf beschränken, eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zu wollen. Er muß auch die Existenz, die Sicherung und die Stärkung des Galuthjudentums wollen. Er muß das Galuthproblem in sein Programm mit einbeziehen, wenn er nicht will, daß die Notwendigkeit bestehen bleibt, neue nationale Organisationen zu schaffen, wie es in Polen schon geschehen ist. Und vielleicht wird die Aufnahme der Galutharbeit unter anderen segensreichen Begleiterscheinungen auch dies zur Folge haben: die Anbahnung einer Verständigungsmöglichkeit mit den anderen jüdischen Organisationen. Daß eine solche gefunden werden muß, ist heute evident. Wir können uns inneren Zwist und Bruderkampf nicht mehr leisten. Alles drängt nach Zusammenfassung und Überbrückung. Und wenn Blumenfeld hierfür den Ausdruck fand, wir könnten heute Bündnisse schließen, da wir nicht mehr zu fürchten brauchen, daß wir Kompromisse schließen, so sagt dies ja auch nur, daß der Kampf zwischen Thesis und Antithesis durch eine Synthesis überbrückt werden muß. Erst mit dieser ist das Ziel erreicht, erst mit dieser der Kampf fruchtbar geworden. Als im Kampf gegen das Khillejudentum die Antithesis des Zionismus schufen, geschah es nicht, um zu vernichten und zu zerstören, sondern um dereinst das Judentum in eine überbrückende höhere Form hinüberführen zu können. Vielleicht ist der Augenblick hierzu gekommen. Geschrieben in Polen Heinrich Margulies