Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Galuthproblem im Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Galuthproblem im Zionismus aber die Voraussetzung, daß ein völkischer Organismus gesund sein muß, um worden; sie hat sich zunächst gegen folgende beide Erkenntnisse zu wehren, abzugrenzen und neuzuorientieren: idaß das GaluthJudentum dem Untergange geweiht ist, ist zumindest fraglich, ist sogar nach allen Ergebnissen der Neuzeit höchst unwahrscheinlich. Für die dem menschlichen Erkennen zugängliche und daher zunächst zu berücksichtigende Zukunftsepoche muß man auf jeden Fall mit seiner Existenz, ja sogar mit seinem weiteren Aufblühen rechnen, da ohne Zweifel auch hier die Kurve seit einiger Zeit sich in aufsteigender Linie befindet. 2. gegen die Darlegung Achad Haams: Palästina würde im günstigsten Fall nur den Geburtenüberschuß des jüdischen Volkes aufnehmen können, sodaß selbst eine weitgehende Realisierung des Zionismus keine Verringerung des Galuthjudentums bedingen und somit kaum einen Einfluß auf dessen Geschick ausüben könnte. Damit gewinnt das Galuthproblem eine ganz neue; eine ungeheure Bedeutung für den Zionismus, der geglaubt hatte, es ignorieren zu können, teils weil es ja zwecklos war, hier etwas zu tun, teils weil man auch früher an die Möglichkeit einer raschen Massenabwanderung nach Palästina geglaubt hatte. Nun hört es plötzlich auf, „Galuth-Romantik" zu sein, nun ist es harte, nackte Wirklichkeit, die ihr Recht fordert. Der Zionismus: gewiß, das ist unser Wille, Palästina zu erringen und dort ein jüdisches Volk, ein jüdisches Leben zu schaffen; nicht weil uns etwas zwingt, der Antisemitismus oder die Ostjudenfrage, sondern einfach, ganz einfach und unbegründet, weil wir wollen, weil wir einen nationalen Willen haben. Das besteht also nunmehr ganz losgelöst von der Galuthfrage, hat auf diese keinen Einfluß und empfängt auch von ihr keinerlei Begründungsmöglichkeit oder Agitationsmaterial. Der Zionismus wird zur kristallreinen Erscheinungsform unseres nationalen Strebens. Aber ist dieses nationale Streben damit erschöpft? Umfängt es nicht — neben jenem Land und Leben der Zukunft — auch unsere Brüder der Gegenwart und auch die, welche niemals an jener Zukunft werden teilhaben können? Soll der Zionismus seine Grenze finden bei jenen 50, 100 oder 500000 Juden, die für Palästina in Betracht kommen, zwischen sich aber und den 12 Millionen im Galuth Verbleibenden eine Mauer errichten? Nein, wir sind nicht nur und wollen nicht nur eine Bewegung sein, die einen kleinen Bruchteil unseres Volkes vertritt, wir müssen zur nationalen Bewegung werden, die das Volk in seiner Gesamtheit umfaßt! * Mit den Verelendungstheorien geht es eigen: keine einzige hat der Wirklichkeit standhalten können. Von der sozialistischen haben wir schon gesprochen. Aber hat man nicht auch die Theorie vom „kranken Mann am Bosporus" einer Revision unterziehen müssen? Hat nicht auch die Erwartung eines baldigen Zerkalls Österreich-Ungarns getrogen? Möglich, sogar wahrscheinlich, daß-die gegenwärtig in die Erscheinung tretende Stärke beider Staaten nicht ein adäquates Bild von der tatsächlichen inneren Stärke und Gesundheit abgibt, wahrscheinlich gibt es dort noch viele Dinge, die, in ruhigerer Zeit, noch tiefgehender Wandlungen bedürfen, um jene Theorie endgültig zum Verstummen zu bringen. Aber was beweist das? Doch nur, daß auch solche Organismen unter bestimmten Umständen lebenskräftig, mehr noch: überwindend und expansiv wirken können, die in unseren Augen als keineswegs gesund, als todgeweiht gelten. Entweder also *st unser Maßstab der Krankheit ein falscher, wir sehen einfach falsch, oder