Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Galuthproblem im Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 604 (sequence 4)
- Language
- German
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604 Heinrich Margulies: unter uns zwingt, unsere Irrtümer einzusehen. Und während unsere Gegner, die noch den veralteten Zionismus aus der Epoche der Verelendungstheorie bekämpfen, frohlocken, daß uns durch die Revolution der Boden entzogen sei („welcher russische Jude", sagen sie, „wird jetzt noch nach Palästina gehen? Umgekehrt: alle Emigranten, selbst die in Palästina, und noch viele andere, werden nach Rußland einwandern!"), während sie womöglich glauben, daß wir dem uns verloren gegangenen Agitationsstoff nachtrauern — begrüßen wir die Neugestaltung in dreifacher Hinsicht: zunächst ganz allgemein, weil sie den russischen Juden Besserung und Erleichterung bringt, gewiß. Aber unsere Bewegung beschränkte sich nie auf Sicherung des Brotkorbes, und darum sehen wir nicht darin das Wesentliche. Viel mehr begrüßen wir die neue Zeit, weil sie unseren Brüdern Gelegenheit und Freiheit gibt, ihrem und unserem nationalen Ideal zu leben — und drittens, weil sie uns alle, weil sie die ganze Bewegung von veralteten Begriffen und ungesunden Vorstellungen befreit, weil sie die zionistische Idee zwingt, sich jetzt durch sich selbst zu bewähren. Der Begriff der Judennot wird nie verschwinden, gewiß nicht, da die Juden stets das Schicksal aller Minoritäten haben werden, aber er wird aufhören, jene große Rolle als Begründung, Argumentation und Rechtfertigung zu spielen, die er bisher bei uns inne hatte. Der Rest des Reaktiven wird nun abgestreift, und aus dem befreiten Judentum wird sich befreit die nationale Sehnsucht und der Wille zur nationalen Zukunft erheben. Diese Erkenntnis, in Verbindung mit einigen anderen Einsichten, die wir der letzten Entwicklung verdanken, enthält die Notwendigkeit einer Revision des zionistischen Gedankengebäudes, und zwar in einem Umfange, den man sich nur schwer vergegenwärtigen kann. Es wird daher an Gegnern dieser Auffassung nicht fehlen, und sie wird Zeit benötigen, sich durchzusetzen. Aber schon beginnt sie, aus dem embryonenhaften Stadium des Tastens, des Instinktes und der Intuition in jenes der klaren Formulierbarkeit hinüberzugleiten, und wenn ihr auch noch vieles an letzter Überzeugungskraft fehlen mag, ist es doch schon möglich und noch mehr notwendig, sie auszusprechen. Denn ohne Zweifel keimt in ihr die folgenschwerste Wandlung und Entwicklung, die der Zionismus bisher durchgemacht hat. Der frühere Zionismus argumentierte mit dem Satz: das Galuthjudentum ist dem Untergang geweiht, es gibt nur einen Weg und eine Lösung: Palästina. Diese zionistische Idee, wie sie klug, aber dogmatisch und zweifellos irrig noch unlängst Klatzkin im „Juden" vertrat, vereitelt den Diaspora-Begriff eines „Klal Iisrael", steckt dem Judentum Grenzen ab und schneidet es entzwei: in Galuth und Palästina*). Sie hat zur Folge, daß man die Galuthfrage radikal und vollständig ausschaltet und als „Galuth-Romantik" betrachtet, die nur schädlich wirkt, unsere „Erkenntnis umschleiert und unsere Schaffenskraft lähmt"*). Das Galuthjudentum gilt als „nicht mehr lebensfähig", und wozu sich unnütz damit beschweren? Wozu etwas tun, das nur „das Absterben eines Todgeweihten" aufhält und „die Qualen der Agonie" verlängert? Der Zionismus darf und soll daher seine eng umzogene Grenze Palästina nicht überschreiten. Die Formulierung dieser Art Zionismus ist längst begrifflich untergraben *) Klatzkin, Grundlagen des Nationaljudentums, Der Jude, i. Jahrgang, Heft 12 S. 832'