Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Galuthproblem im Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 603 (sequence 3)
- Language
- German
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Das Galuthproblem im Zionismus durch den Gedanken, daß die Lage der jüdischen Gesamtheit eine furchtbare und insbesondere im Osten eine grauenhaft unerträgliche und täglich notwendig schlimmer werdende sei. Überhaupt der Osten — der galt dem Westler, wer wollte es leugnen? als eine riesengroße Hölle, aus der es keine Rettung gab, es, sei denn durch Auswanderung, ein ungeheurer Kessel, vollgepfropft mit Unglücklichen und Schnorrern, die nur einen Gedanken hatten: auswandern. Diese Vorstellung gehörte zur Ideologie und Phraseologie des Zionismus, bildete geradezu deren Fundament, beherrschte die Geister so ausschließlich, daß man alle jüdischen Interessenfragen, die an das Land, an den Osten, ans Galuth gefesselt waren, ausschaltete und gewaltsam ignorierte. Derjenige, dem der Krieg die Möglichkeit bot, selbst nach dem Osten zu gehen und das jüdische Leben zu sehen, wie es in Wahrheit ist, erkannte mit Überraschung die Notwendigkeit, zunächst einmal sich selbst von einem großen Teil jener Vorstellungen zu befreien, die er der westlichen Ideologie verdankte. Und als erste zerbarst die Verelendungstheorie. In Wahrheit war sie schon vorher begraben. Zahlreiche Veröffentlichungen der letzten Jahre hatten schon darauf hingewiesen, darauf vorbereitet, Ostjuden hatten selbst das Wort ergriffen, um erst in der „Freistatt", später, als der Krieg kam, im „Juden", mit all den falschen Urteilen und Vorurteilen aufzuräumen. Die Masse der Armen und Unglücklichen entpuppte sich als recht lebensfähiger, widerstandskräftiger und zukunftsfroher Organismus, der durchaus nicht gewillt war zu sterben oder durch Auswanderung zu kapituliren. Ich hatte wiederholt in Polen den Eindruck: wollte man hier eine zionistische Rede halten, wie man sie vom Westen her gewohnt ist, würden die Juden kopfschüttelnd sagen: Wir haben gar nicht gewußt, daß es uns so schlecht geht! Es geht ihnen auch in Wahrheit trotz aller Schwierigkeiten lange nicht so schlecht, wie wir glaubten. Wir bekamen ja immer nur Nachricht von den Verfolgungen und Schikanen, so daß wir uns sagten: wie kann man das nur aushalten? Und als Erscheinungskoeffizient sahen wir die große Auswanderung nach Amerika — was wir aber nicht sahen, war die Geschicklichkeit der Verteidigung, die den Angriff hemmte, die Kraft und manchmal auch die Überlegenheit, mit der man sich zur Wehr setzte. Und inzwischen haben wir auch gelernt, daß die Sombartsche Theorie von den Judenwanderungen unrichtig ist, daß nicht die Notlage und Emigrationsnotwendigkeit an ihrem Ausgangspunkte stehen, sondern lene wirtschaftlichen Verhältnisse, die Sombart als Folge- und Begleiterscheinung ansieht: die Juden wandern dorthin, wo sie einen wirtschaftlichen Aufschwung wittern, und es bleibt einer späteren Geschichtsforschung vorbehalten zu prüfen, ein wie großer Teil der jüdischen Auswanderung von Rußland nach Amerika lediglich auf dieses Konto verbucht und von jenem der Elendstheorie abgesetzt werden muß. So kam es, daß mancher von uns, der herkam, um die Ostjuden zu befreien, verdutzt dreinschaute, als er sah, wie wenig diese Ostjuden das Neue als Befreiung empfanden. Die Verelendungstheorie gehört also bei uns nicht minder ins Archiv wie beim Sozialismus, wo sie längst begraben wurde. Und heute, wo unsere Idee *us sich selbst heraus stark und unangreifbar ist, ist es nicht nur möglich, sondern geradezu notwendig, sich vom letzten Rest dieser Ideologie freizumachen und alles abzustreifen, was von ihr haften blieb. Das ideell Wertvollste an <fer Emanzipation der russischen Juden ist vielleicht, daß sie auch die Letzten