Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Das Galuthproblem im Zionismus
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 602 (sequence 2)
- Language
- German
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602 Heinrich Margulies: Diese Übertreibung, Radikalismus genannt, ist gewissermaßen ein polares Phänomen, sie erstreckt sich sowohl auf das Ausmaß dessen, was neu geschaffen werden soll, und führt hier zu utopischen Konstruktionen eines Zukunftstaates, wie auch auf die Bewertung dessen, was überwunden werden muß. Denn da junge Ideen noch nicht den Mut und die Kraft haben, durch sich selbst allein zu wirken, müssen sie sich als notwendig erweisen, ja geradezu als die einzige Möglichkeit zur Rettung und zum Bestehen. Es genügt also nicht einmal zu sagen, daß die Gegenwart schlecht und unerträglich sei — denn auch die schlechtesten und unerträglichsten Dinge können, wenn sie nur an der Zeit haften, sich rasch ändern, ohne daß es des Rüstzeuges einer großen Bewegung bedürfte — man muß auch sehen, daß die Schlechtheit und ljnerträglichkeit der Dinge eine organische, notwendige ist, die sich bei ungehinderter Entwicklung täglich noch mehr steigern muß. So entsteht jene Verelefidungstheorie, die an den Pforten der beiden revolutionärsten und radikalsten idealistischen Bewegungen steht: des Sozialismus (Marx) und des Zionismus (Kerzl). In der Tat: keine andere Bewegung ist annähernd so revolutionär und radikal wie diese beiden. Sie wollen eine Zukunft schaffen, die in ungeheurem, geradezu unüberbrückbarem Gegensatz zu der Gegenwart steht. Die eine will die durch Jahrtausende gewordenen, organisch festgefügten Gegebenheiten der gesellschaftlichen Ordnung sprengen und umkehren, die Wirtschaftsformen beseitigen und an Stelle dessen, was die Natur in Mühseligkeit schuf (ob gut oder schlecht, sei dahingestellt) etwas vom Menschengeist Ersonnenes setzen. Und die andere, die zionistische, will aus einigen Millionen über die Welt Verstreuter, die seit Menschengedenken schon verstreut waren, sodaß sie sich der Möglichkeit eines Andersseins fast nicht mehr zu erinnern vermögen, aus ihnen, die hunderterlei Sprachen sprechen, nur nicht ihre eigene, hunderterlei Kulturen treiben, nur nicht ihre eigene, hunderterlei Boden düngen und Erde lieben, nur nicht ihre eigene, — aus diesen — im wahren Sinne — Abfallprodukten eines Volkes will sie wieder ein Volk mit eigenem Land, mit eigener Sprache, mit eigener Kultur schaffen. Die Dimensionen dieser beider ,Bewegungen sind so ungeheuer, daß man begreift, wie sehr sie den ungeheuren Pessimismus ihrer Verelendungstheorie notwendig hatten: um sich vor sich selbst, vor den Augen des Schöpfers zu rechtfertigen und um sich vor jenen zu entschuldigen, die beim Auftauchen einer jeden neuen Idee die Staatspolizei, die Feuerwehr oder die Inquisition alarmieren möchten. Es waren die Krücken, welche die Idee brauchte, solange sie noch schwach auf den Beinen war. Krücken, die sie fortwarf, als sie sie nicht mehr brauchte. Die sozialistische Verelendungstheorie hat sich als unzutreffend erwiesen, die Entwicklung des Proletariats hat eine aufsteigende und keine steil abfallende Kurve beschrieben. Zum Glück für den Sozialismus erkannte man dies aber erst, als er groß und kräftig genug war, um durch sich selbst zu bestehen. Zu den vielen Ähnlichkeiten, die das formale Wesen des Sozialismus mit dem des Zionismus verknüpfen, gehört auch hier eine Parallelerscheinung bei dem letzteren. Wir sträuben uns zwar schon lange dagegen, daß unsere Feinde uns vorwerfen, unser Zionismus wäre nur durch den Antisemitismus und als Reaktion auf diesen entstanden. Aber daß die Juden im Westen letzten Endes ohne die Verelendungstheorie nicht zum Zionismus gekommen wären, läßt sich kaum bestreiten. Nicht so sehr durch Ahlwardt, Pückler, nicht einmal durch Kischinew, wohl aber