Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bejahung und Verneinung des Galuth
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 600 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- article
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6oo Rafael Seligmann: Bejahung und Verneinung des Galuth lebt haben, daß es zumindest auf ebendieselbe Bedeutung und Hochhaltung wie unser vorexilisches Anspruch erheben darf, und daß, wenn uns der gegenwärtige, manche Gefahren in sich bergende, aber gewiß auch vielverheißende Wendepunkt in der Geschichte vor Aufgaben stellt, sie nur darin bestehen können, unsere reiche nachexilische Erfahrung für unsere Zukunft am tunlichsten zu verwerten und fruchtbar zu machen. Hingegen wäre es ein ganz utopisches und obendrein rückschrittliches Beginnen, diese Erfahrung aus unserem geschichtlichen Gedächtnis als unnütze Erinnerungslast ausschalten zu wollen. Der Weg unserer Geschichte stellt eine einzige Wellenlinie mit abwechselnden Hebungen und Senkungen dar, und ich lasse es dahingestellt, was hier als Hebung und was als Senkung zu betrachten sei, ob die Palästinaperioden die Höhen und die Galuthperioden die Niederungen bilden oder umgekehrt — aber es ist einmal eine einzige, abgeschlossene Linie, zu der die Hebung ebenso gut wie die Senkung gehört. Wenn das Galuth nichts weiter als eine Abweichung von unserem normalen Lebenslaufe besagen soll, so wüßte ich wahrlich nicht was als Norm und was als Verirrurig zu gelten habe, tritt doch diese „Verirrung" in unserem geschichtlichen Dasein bei weitem häufiger, zusammenhängender und in sich gefestigter als dieses „Normale" auf, und ist doch deren Anspruch auf Geltung hinsichtlich der Kulturwerte zumindest ebenso berechtigt wie der des uns als Muster vorgehaltenen „Normalen". Nein, die Perioden des Galuth gehören gewiß nicht zu den Seitensprüngen unserer Geschichte, sondern machen im Gegenteil ebenso wesentliche und unentbehrliche Bestandteile ihrer wie unsere Palästinaperioden aus. Allein auch unsere wirklichen Verirrungen und Auswüchse sind genauer und tiefer gesehen nur aus dem Wesen unserer Geschichte und Kulturentwicklung heraus zu verstehen und einzuschätzen, wenn anders wir nicht im Dunkeln umhertappen und unsere Urteile aufs Geratewohl bilden wollen. Der schlimmste unserer Auswüchse, die Assimilation, gründet ganz in der Eigenart unserer Kulturentwicklung und ist deren Wesen genau angepaßt — ganz in der Weise, wie diese oder jene Krankheit in der Eigenart dieses oder jenes Organismus gründet und ihm genau angepaßt ist. Die Assimilation ist unser organischer Fehler und keineswegs bloß eine Störung funktioneller Art, wie sich manche oberflächlichen Geister gerne einbilden möchten. Wie paradox es auch klingen mag — aus dem intensiven Streben nach der Konservierung unserer nationalen Kultur ging die sich so stark in unserer Geschichte geltend machende Erscheinung der Assimilation hervor; denn der Keim der Assimilation wurde in die Seele unseres Volkes mit dem Momente gesenkt, als die berufensten Repräsentanten der jüdischen nationalen Kultur deren Aterntorialität zum Prinzip erhoben, mit dem Augenblick also, als sie gewissermaßen das Prinzip des „ubi bene, ibi patria" — wo es für die nationale Kultur gut ist, da ist auch unser Vaterland — proklamierten. Allen haltlosen Elementen in unserem Volke wurde es auf diese Weise anheimgestellt, sich den Begriff des „bene" auf ihre eigene Weise zu deuten, und das „ubi bene, ibi patria" in des Wortes eigentlichem Sinne, in dem des rein persönlichen Wohlergehens auf Kosten der nationalen Würde in Wirklichkeit umzusetzen. Wer das geschichtliche Geschehen in dessen lebendigem Flusse erfassen und sich nicht bloß an dessen isolierte Kristallisationspunkte halten will, der wird sich auch seinen subjektiven Velleitäten zuliebe der Logik der Tatsachen nicht gänzlich verschließen wollen, die zu der absoluten Verneinung des Galuth wie