Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bejahung und Verneinung des Galuth
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 601 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Heinrich Margulies: Das Galuthproblem im Zionismus 601 dessen absoluter Bejahung in einem entschiedenen Gegensatze steht. Diese Logik der Tatsachen zeigt uns den Werdegang unserer Geschichte in einem ganz anderen Lichte, als jenes, in dem die meisten unserer Parteimänner ihn sehen möchten; sie zeigt den Gang unserer Geschichte als einen in sich gegliederten Aufbau, in dem die bedeutenden Phänomene und Ereignisse, und mögen sie ihrer Natur nach einander noch so entgegengesetzt sein, miteinander aufs engste zusammenhängen und nicht als eine Aneinanderreihung von sporadischen Phasen, die man beliebig herausgreifen kann, um sie zur Zielscheibe einer billigen Entrüstung oder eines noch billigeren Spottes zu machen. Ein ganz besonderes Licht fällt von hier aus auf die so heiß umstrittene Frage des Kulturzentrums in Palästina. Seit fast undenklicher Zeit kennt unsere Geschichte nicht mehr dieses absolute Übergewicht des einen Zentrums vor dem anderen, welches unsere modernen Galuthverneiner konstituiert wissen möchten. Unsere Siedlungen standen immer in einem lebendigen Stoffwechsel miteinander, wie die Zellen eines einzigen Organismus, und unterstützten sich gegenseitig in gemeinsamer Kulturarbeit. Wer daher unsere sämtlichen Zellen zugunsten einer einzigen unter ihnen in ihrem Funktionieren verkürzt und vernachlässigt wissen möchte, der denkt gewiß nicht in Gemäßheit mit unserer ganzen geschichtlichen und kulturellen Entwicklung. Noch entschiedener aber müssen wir gegen alle diejenigen unserer absoluten Galuthbejaher Front machen, die in ganz unbegreiflicher Weise und schreiendem Widerspruch zu ihren eigenen Forderungen ein Kulturzentrum in Palästina perhorreszieren und verwerfen; Ich sage: in einem schreienden Gegensatz zu ihren eigenen Forderungen, denn auch sie möchten doch möglichst bedeutende Kristallisationspunkte jüdischen nationalen Lebens allerorts errichtet sehen. Unbegreiflich ist es daher, warum gerade sie ein palästinensisches Kulturzentrum plötzlich aus ihrem Programm streichen wollen — es sei denn, daß nicht ernste. Bestrebung und aufrichtige Besorgnis um die Erhaltung der Nation, sondern kleinliche und eitle Parteirücksichten sie dazu bewegen. Berlin Rafael Seligmann DAS GALUTHPROBLEM IM ZIONISMUS Idealistische Bewegungen sind von dem Bestreben geleitet, die Dinge besser zu machen, als sie sind, und eine schönere, freiere Zukunft an Stelle der unbefriedigenden Gegenwart zu setzen. Die Erkenntnis also, daß die Gegenwart unbefriedigend, unschön, unfrei ist, gehört zu ihren Voraussetzungen. Nun hauchen neue Dinge, um sich selbst die nötige Schwungkraft zu geben, eines kräftigen Gegenpols als Abstoßfläche; die Antithesis, die geschaffen wird, muß 1X1 lebendigem und eindrucksvollem Gegensatz zur Thesis stehen. Übertreibung ist hier unvermeidlich, sie ist notwendig, nützlich und bereichernd, und wenn sfe auch die ersten Diener der Bewegung in den Augen einer gereifteren Nachwelt vielleicht ein wenig weltenfern und monoman erscheinen läßt, führt doch aur über sie der Weg zu jener Synthesis, welche erst, in Größe überbrückend, versöhnend und vereinend, die neue Idee zur Fruchtbarkeit bringt.