Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bejahung und Verneinung des Galuth
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 599 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101134-3102734--2013-3102775- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Bejahung und Verneinung des Galuth 599 bei gutem Willen vergessen und wegdenken könnte, und nicht vielmehr bedeutsame Winke für die künftige Weiterentwicklung in sich enthielte, Winke, die ein wachsamer und wirklich fortschrittlicher Geist auffangen und befolgen sollte; als ob diese Geschichte uns absolut zu nichts verpflichtet hätte! Welche meskine Denkweise, welch reaktionäres Bestreben! Anderseits aber — soll die Bejahung des Galuths wirklich eine solche im Geiste der jüdischen Geschichte sein, mit anderen Worten: soll diese Bejahung nicht bloß eine indifferente, zu nichts verpflichtende Hinnahme eines geschichtlichen Faktums, sondern eine spontane Setzung bedeuten, so wird sie unbedingt die Besinnung auf unsere kulturellen Werte, auf unser besseres nationales Sein in sich schließen müssen, wenn anders die Bejahung des Galuth überhaupt einen Sinn haben soll. Die absoluten Galuthbejaher moderner Observanz scheinen allerdings in diesem Punkte anders zu denken, wenn sie überhaupt denken und sich nicht vielmehr dem Zuge der Zeitlichkeit als gefügige Werkzeuge überlassen, ohne viel nach der inneren Bedeutung des Geschehenden zu fragen. Ihnen allen scheint es bloß darauf anzukommen, ob die Juden eine Nation mit allen üblichen Attributen einer solchen je werden bilden können, als ob Gott weiß welche kulturelle Leistung darin läge, wenn den unzähligen die Erde bevölkernden Nationalitäten noch eine hinzugefügt würde. Und was in höchstem Grade bemerkenswert ist — diese beiden sich gegenseitig aufs heftigste befehdenden Parteien, die absoluten Bejaher und die absoluten Verneiner des Galuths sind hinsichtlich jüdischer Kultur und jüdischer Geschichte vollständig eines Sinnes. Für diese beiden Parteien scheint es sich ausschließlich darum zu handeln, daß dem so viel geprüften jüdischen Volke endlich das zuteil werden soll, was so viele unendlich geringere Völkerschaften bereits besitzen — der Inbegriff alles dessen, was zum Bestände eines in sich gefestigten und nach außen hin abgrenzbaren Ganzen gehört Ihnen beiden ist ein und dieselbe rückschrittliche Tendenz eigen, ihnen beiden steckt ein und dieselbe Kulturfeindlichkeit im Blute, aus ihnen beiden spricht ein und dieselbe Mißachtung gegenüber geistigen Werten und Leistungen, sie beide maßen sich an, im Namen der Nation als solchen zu reden, während sie doch in Wahrheit nur im Namen der Menge ihre Forderungen verkünden, sie beide trüben durch ihre demagogischen Stänkereien den Odem der jüdischen Geschichte in der gleichen Weise, sie beide stecken bis über den Hals in den Vorurteilen und Aberglauben der Momentaneität, ohne den Geist der Zeit fassen zu können. Vielleicht ist es wirklich zu beklagen, daß die jüdische Geschichte fast seit ihren ersten Schritten an diesen seltsamen Verlauf genommen hat, und daß die Juden sich zu einer Nation sui generis herausgebildet haben, die im Gegensatz zu allen anderen Nationen weder ganz an einem bestimmten Flecke Bodens klebt, noch an eine bestimmte Staatlichkeit gebunden ist; aber nachdem einmal der Strom der jüdischen Geschichte diesen Weg einschlug, geht es wahrlich nicht an, ihn nach seinem Ursprungsorte zurücklenken zu wollen, sondern man müßte einzig und allein darauf bedacht sein, ihm nach Möglichkeit eine einheitliche Richtung zu geben. Vielleicht wäre es wirklich besser, wenn wir ein Volk so ganz und gar wie alle anderen Völker gewesen wären, aber bedenken sollte man doch, daß wir unser langes nachexilisches Dasein mit seinen großartigen Schicksalen und mitunter glänzenden Kulturperioden nicht umsonst ge-