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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 598

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Bejahung und Verneinung des Galuth
Date
1917-01-01
Page
598 (sequence 4)
Language
German
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598 Rafael Seligmann: inmitten seiner eroberungssüchtigen Nachbarn großen Gefahren ausgesetzt war, die das galuthbejahende Moment bildete — ursprünglich in nichts anderem bestehend als in der festen Entschlossenheit, die national-kulturelle Besonderheit unter den widrigsten Umständen zu verfechten und zu bewahren. Eine und dieselbe Befürchtung ist es, die ehemals dem jüdischen Eiferer den Gedanken der Galuthbejahung eingab und die gegenwärtig den Verfechter jüdischer Kulturinteressen in das Lager der entschiedensten Galuthverneiner treibt. ..Wie dem auch sei — der Geist des jüdischen Volkes hat einmal diese galuthbejahende Richtung eingeschlagen, und wir überlassen es den Anklägern des Galuth, diesen Wendepunkt in der Geschichte der jüdischen Kulturentwickiung zu verurteilen und zu verdammen. Die Einstellung auf das Galuth aber hat notwendig dazu beigetragen, den Geist des jüdischen Volkes immer vorwärts zu drängen, denn das Leben unter den verschiedensten Kulturen und Nationen konnte bei all der Abgeschlossenheit des jüdischen Volkes an der Seele der Nation nicht spurlos vorübergehen, die geschwängert von allen möglichen fremden Einflüssen eine unzweifelbare Bereicherung ihres Wesens erführ. Dem jüdischen Gedanken erwuchs hiermit eine bedeutsame Aufgabe, von deren Bewältigung die Entwirrung dieses ganzen so verwickelten Galuthproblems abhängig ist; die Aufgabe nämlich, inwiefern die jüdische Geistigkeit imstande ist, alte von außen her auf sie einstürmenden Einwirkungen in sich aufzusaugen und restlos zu verarbeiten, inwiefern diese Geistigkeit imstande ist, diesen Einwirkungen jene spezifische Signatur aufzudrücken, die die bestimmte Zugehörigkeit zu einem bestimmten Gemeinwesen untrüglich zu erkennen gäbe. Eine andere Sache ist es freilich, ob diese Aufgabe überhaupt im Bereiche des Lösbaren liegt, und darüber wollen wir uns vorerst mit den absoluten Verneinern des Galuths in keine Streitigkeiten einlassen; aber daß diese Aufgabe durch den ganzen Werdegang der jüdischen Geschichte nahegelegt wird — dies geht aus dem ganzen Geiste der jüdischen Kulturentwicklung so klar wie nur möglich hervor. Dieses durch die jüdische Geschichte angedeutete Ziel aller auf die Reorganisierung der jüdischen Kultur gerichteten Bestrebungen liegt einzig und aUein in der Richtung einer aufwärtsschreitenden, in vollendetem Sinne des Wortes fortschrittlichen Bewegung, während alle Versuche, die darauf ausgehen, den ganzen Entwicklungsgang der jüdischen Geschichte bis zu ihrem vermeintlichen Ausgangspunkte zurückzuschrauben, die unermeßliche, dem jüdischen Volke zuteil gewordene Bereicherung des Gemüts und Vervielfältigung des nationalen Lebens als Galuthprodukt zu verpönen und zu beseitigen, um nur eine Nation wie alle anderen zu werden, entschieden rückschrittlicher Natur sind. Und weder zeugt es von einem kühnen Fluge der Phantasie, noch von einer richtigen Einschätzung der national-kulturellen Aspirationen innerhalb der gegenwärtigen Judenheit, wenn letzterer zugemutet wird, die auf ihren Wanderungen so mühsam errungenen Schätze wie einen hemmenden Ballast von sich wegzuwerfen, um nur das zu werden, was so viele kultur- und geistesarme Nationen seit Jahrhunderten naturgemäß und von selber sind, eine Volksgruppe unter Volksgruppen, eine Nationalität unter Nationalitäten, ein Staat unter Staaten mit allen diesen Gemeinwesen inhärierenden Attributen und nichts weiter; als ob die Geschichte des jüdischen Volkes bloß eine Reihe von zwar traurigen, im übrigen aber recht belanglosen Begebenheiten darstellte, die man

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