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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 597

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Bejahung und Verneinung des Galuth
Date
1917-01-01
Page
597 (sequence 3)
Language
German
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Bejahung und Verneinung des Galuth je weiter je mehr vermaterialisierte und sozusagen verdichtete, weil sie irh Verlaufe ihrer Kulturentwicklung immer deutlichere Tendenzen offenbarte, die geistigen Manifestationen ihres völkischen Daseins auf Kosten ihrer staatlichen und territorialen Fixiertheit in immer festere und greifbarere Formen zu gießen, und auf diesem Wege die Geistigkeit selber zu einer Art Staatlichkeit erstarren ließ, die, aller territorialen Abgrenzung spottend, ein unabhängiges Reich auf eigener Grundlage konstituieren konnte. In der Tat muß es doch auffallen, daß die Repräsentanten jüdischer Geistigkeit in den späteren Stadien der jüdischen Kulturentwicklung eine immer schärfere Abneigung gegenüber den subjektiven Inspirationen des prophetischen Gemütes an den Tag legten, daß sie das in der Seele des Volkes lebende Bild der Gottheit in immer entrücktere und unzugänglichere Regionen zu verlegen sich bemühten, und daß es ihnen schließlieh gelang, durch ein überaus kompliziertes und sinnreiches Gewebe von Formeln aller Art die Vorstellung der Gottheit in den hintersten Hintergrund des Volksbewußtseins zu drängen. In der Tat stellte schon die peinliche Perhorreszierüng aller Bildhaftigkeit den ersten Ansatz zu dieser Verdrängung, den ersten Schritt auf dem Wege zu dieser Formelüberwucherung dar. Ohne Uns daher in eine Beurteilung einer derartigen Geistesrichtung einzulassen, können wir getrost die Behauptung aufstellen, daß die jüdische Geschichtsentwicklung vermöge eben dieser vermaterialisierten Geistigkeit immer mehr dazu neigen mußte, die territorial fixierbare Staatlichkeit stillschweigend zu verneinen und somit das Galuth ebenso stillschweigend zu bejahen. Wer es einmal gelernt hat, in den äußeren Begebenheiten und Geschicken eines einzelnen Individuums wie eines ganzen Volkes den mitbestimmenden Faktor der ursprünglichen Geistes- und Gemüts Veranlagung mit in Anschlag zu bringen, wer es gewohnt ist, bei einer sonderbaren Verkettung von äußerlichen Geschehnissen danach zu fragen und zu forschen, ob sich nicht in dieser dem Individuum oder Volke von außen her zugestoßenen Verkettung von jeweiligen Zufälligkeiten ein aus dem Innern des in Frage stehenden Subjektes stammender und mitwirkender Agens auf diese oder jene Weise kundgibt, der wird auch diese ganze Erscheinung des Galuth nicht nur auf diese oder jene katastrophale von außen her hereingebrochene Krise zurückführen wollen, sondern es in irgend welchem innigen Zusammenhange mit den Charaktereigenschaften des jüdischen Volkes und den Eigentümlichkeiten der jüdischen Geistesstruktur zu betrachten suchen. Nicht die Römer allein waren es, die das jüdische Volk über die Erdoberfläche zerstreuten und so das Phänomen der Diaspora ins Leben riefen, sondern zu einem großen Teile war es auch dieses jüdische Volk selber, das durch: seine ursprüngliche Geistesrichtung und kulturelle Einstellung fast seit den Anfängen seiner eigentlichen Geschichte mit einem rastlosen Eifer daran gearbeitet hat. Nimmermehr wäre es dem römischen Kaiser Hadrian gelungen, die palästinensische Erde von einer kompakten und lebenstüchtigen jüdischen Bevölkerungsmasse so gründlich zu säubern, wenn die jüdische Nation in der Person ihrer berufensten und würdigsten Vertreter von vornherein nicht auf ihre politische Selbständigkeit verzichtet, wenn die Masse des Volkes sich nicht seit langem mit dem Gedanken einer exterritorialen nationalen Existenz befreundet, und wenn die Masse in der Folge nicht eine kühle Indifferenz gegenüber ihrer gewesenen Heimat gezeigt hätte. Gerade die Sorge um die Erhaltung der nationalen Kultur war es, die angesichts der prekären Stellung des jüdischen Volkes

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