Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Bejahung und Verneinung des Galuth
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 596 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101134-3102734--2010-3102772- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
59,6 Rafael Seligmann: blinden Ungestüm von Naturgewalten wirken und die Geschicke der Nation in ungeahnte Bahnen lenken; und nichtsdestoweniger ist die Struktur einer nationalen Psyche und deren ursprüngliche Veranlagung keine tabula rasa, auf die die Geschichte ihre Gesetze schreibt, nichtsdestoweniger wirkt auch der Geist einer nationalen Kultur, wenn auch unwillkürlich und ohne es zu wissen, bestimmend auf. den der nationalen Geschichte und prägt der letzteren einen je nach Umständen mehr oder minder scharfen Stempel auf, oder richtiger gesagt, es findet eine gewisse Wechselwirkung zwischen dem einen und dem anderen statt, ohne daß man dabei die das eine von dem andern scheidende Grenzlinie des genaueren angeben könnte. Die Bejahung des Galuth lag schon potentiell, wenn nicht in den ersten Ansätzen der jüdischen Kulturentwicklung, so doch in den ausgereifteren Stadien derselben, mit dem Momente, als der Schwerpunkt des nationalen Bestandes in Mächte rein geistiger Natur hineinversetzt wurde. Allerdings wies bei den Propheten der rein geistige Zug eine markante Zuspitzung auf eine territoriale Fixiertheit hin auf, denn sie wollten ihre ethischen Bestrebungen in einer territorial greifbaren Gestalt vermaterialisiert wissen, und insofern kann man sagen, daß die Propheten einen Zustand der jüdischen Kultur in ihrer Person repräsentieren, wo zuwiderlaufende Tendenzen noch in einem undefinierbaren Zusammen miteinander lebten. Aber der natürliche Prozeß der Differenzierung konnte nicht allzu lange auf sich warten lassen; früher oder später mußte der Augenblick kommen, wo die beiden Tendenzen sich herauskristallisierten; früher oder später mußte zwischen ihnen ein erbitterter Kampf um die Vorherrschaft entbrennen, denn unmöglich konnte sich auf die Dauer die ausschließliche Konzentrierung auf das Geistige mit einer ausschließlichen Anhänglichkeit an staatlich-territoriale Bestimmtheiten vertragen; früher oder später mußte das negative Verhalten gegenüber jeder palpablen Ausgestaltung der nationalen Kultur, wie es in der Festigkeit eines staatlichen Gefüges und einer territorialen Abgrenzung zutage tritt, einen positiven Charakter — die ausdrückliche Bejahung des außer- oder vielmehr innerstaatlichen und internationalen Seins annehmen, was bei den Repräsentanten der späteren jüdischen Kultur in recht prägnanter Gestalt hervortritt. Die Bejahung des Galuth stellt sich uns auf diese Weise als einer der wesentlichsten Charakterzüge jener jüdischen Geistigkeit heraus, die in bezeichnendem Gegensatz zu der aller anderen Kulturen antiker und auch moderner Observanz nicht an der Konsistenz dieser oder jener staatlichen Institution hing, sondern sich vielmehr ihre eigene Materialität und ihre eigene Bodenständigkeit schuf, vermöge derer sie sich inmitten der mannigfaltigsten Kulturformen erhalten und behaupten konnte. Die Juden waren gewiß nicht die einzige Nation in der Weltgeschichte, die als Träger eines ganz bestimmten Kulturtyps ihre spezifische Rolle in der Geschichte der Menschheit spielte. Auch die alten Hellenen und Inder stellten zu gleicher Zeit bestimmte Volksgruppen und bestimmte Volkstypen dar, auch bei ihnen hing Nationalität und Kulturgestaltung aufs engste miteinander, aber diese Kulturgestaltung haftete in weit kohärenterem Maße an allen den tausend Eigentümlichkeiten rein ethnischer Bestimmtheiten, als die des jüdischen Volkes, die im Verlaufe der jüdischen Geistesentwicklung sich mehr und mehr zu verselbständigen suchte, und diese Verselbständigung in fast vollendeter Prägung schließlich auch erreichte. Und wenn die jüdische Nation die Verselbständigung ihrer Kulturhaftigkeit erreichte, so geschah es einzig und allein deshalb, weil deren Geistigkeit sich