Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Meine Stellung zum nationalen Judentum
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 594 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3101111-3101126-3101134-3102733--2006-3102770- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
594 Georg Brandes: Meine Stellung zum nationalen Judentum meinem Übersetzer nicht 150 Fr. geben wollte (ich selbst verlangte nichts, nur die 150 Fr. für ihn). Der Aufsatz sollte in einem großen österreichischen Blatt, an dem ich damals sehr oft mitarbeitete, deutsch veröffentlicht werden. Er blieb liegen. Als Vorwand diente, daß man schon viel Blatt-Stoff liegen hätte. Die wirkliche Ursache schien ein finanzielles Verhältnis zur rumänischen Regierung zu sein. In den letzten Jahren hat sich meine Auffassung in der jüdischen Frage sehr geändert. Die Juden Westeuropas kommen nach meiner Ansicht fast nicht in Betracht. Nur in Osteuropa gibt es jüdische Volksmassen, in denen große schöpferische Kräfte schlummern, und sie haben ein Recht, den Versuch zu machen, sich als eine Nation auf eigenem Boden zu konstituieren. Ich verstand und wußte dies vor 22 Jahren nicht. Als Herzl mit seinem Buch ,,Der Judenstaat*' mir schrieb und nach meiner Meinung fragte, erwiderte ich ihm scherzend mit folgender Anekdote: Friedrich Wilhelm IV. von Preußen fragte den Bankier Mendelssohn, was er zu der Idee des Königs sage, die europäischen Juden nach Palästina zurückzuführen. Mendelssohn antwortete : „Ich würde mir erbitten, Gesandter des neuen Staates in Berlin zu werden.44 Herzl nahm die leichtsinnige Antwort übel auf, Er schrieb mir, ich ahnte kaum, in welche Gesellschaft ich mich durc.i diese Antwort bringe. Seitdem ist viel Wasser ins Meer geflossen. Der Judenhaß ist überall mächtig angeschwollen. In allen Ländern läßt man die Juden wissen, daß man sie nie t zu den eigentlichen Einwohnern des Landes zähle. Darauf ist die nächstliegende An wort, ein eigenes Land zu gründen. Dazu kommt, daß — sonderbar genug —, trotzdem es keine religiöse Renaissance des Judentums gibt, ein gewaltiger nationaler Enthusiasmus die Juden ergriffen hat. Die Juden Rußlands, Polens, Amerikas weisen Anzeichen einer nationalen Wiedergeburt auf. Obwohl ich ganz Kosmopolit bin, at diese Bewegung meine volle Sympathie. Sie ist berechtigt, weil natürlich und urwüchsig. Nachdem sie sich für Palästina als Ziel entschieden hat, und nachdem der Gedanke, die Juden dort ansiedeln zu lassen, von mehreren Regierungen, freilich noch nicht von der türkischen, als berechtigt anerkannt worden ist, scheint der Zionismus die Zukunft für sich zu haben. Es gab bis 1;I4 kein Volk, das meinem Herzen näher stand als das polnische. Wenige Völker haben mir auch persönlich so viel Sympathie erwiesen. Es war deshalb ein hartes Opfer, das ich der Pflicht brachte, als ich 1914 öffentlich das schlechte Benehmen der Polen den Juden gegenüber angriff. Ich hatte naiv geglaubt, daß man in der polnischen Presse, die meine tiefgehende Sympathie für die Polen kannte, Rücksicht auf meine Klage nehmen würde. Es gehört zu den schlimmsten Erfahrungen meines Lebens, daß man in einer so ernsten Angelegenheit nur pöbelhafte Antwort gab, und seitdem ist die gehässige Haltung der Polen den Juden gegenüber dieselbe geblieben. Die Juden haben vollen Anspruch auf Schulen, wo der Unterricht in der jüdischen Sprache erteilt wird, und vollen Anspruch auf Selbstverwaltung in ihren inneren Angelegenheiten. Wenn sie erst in der Lage sein werden, über ihr Geschick selbst zu bestimmen, werden sie — hochbegabt wie sie sind — die großen Aufgiben bewältigen können, vor die sie die Geschichte gestellt hat. Zu diesen Aufgaben ehört die Verwirklichung der zionistischen Kolonisation. Den Juden wird die Gelegenheit geboten werden, ein Zentrum in Palästina zu haben. Für absehbare Zeit wird' die jüdLche Gesellschaft dort zu ohnmächtig