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Der Jude · 1917-01-01 · Heft 9 · p. 595

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Meine Stellung zum nationalen Judentum
Date
1917-01-01
Page
595 (sequence 4)
Language
German
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IRI
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Rafael Seligmann: Bejahung und Verneinung des Galuth 595 bleiben, um politischen Einfluß ausüben zu können. Aber dieser Einfluß wird täglich wachsen. Und es ist unzweifelhaft, daß die Kolonisation Palästinas eine gewaltige moralische Stütze für die in Europa zerstreuten Juden sein wird. Natürlich werden die Antisemiten dadurch um ein Schlagwort bereichert Man wird in jeder Debatte ausrufen: „Geh doch dorthin, wo du hingehörst!" Allein um Schlagworte ist der Judenhaß nicht verlegen. Das jüdische Ansehen wird bedeutend gestärkt werden, wenn jedermann sehen kann, daß ein großer Teil des jüdischen Volkes auf eigenem Boden sich mit produktiver Arbeit befaßt und alle Pflichten erfüllt, die ein selbständiges nationales Leben einer Volksgemeinschaft auferlegt. Ich habe die Anfänge des neuen jüdischen Lebens in Palästina mit dem größten Interesse verfolgt, die Gründung der Kolonien, die Entstehung der modernen jüdischen Stadtviertel in Jaffa und Haifa, die Errichtung des hebräischen Schulwerkes und die Ansätze zu einer neuen jüdischen Kunst und Literatur, und ich zweifle nicht, daß alles dies einer großartigen und über den Rahmen Palästinas hinaus bedeutsamen Entwicklung fähig ist. Kopenhagen Georg Brandes BEJAHUNG UND VERNEINUNG DES GALUTH*) Die verschiedenen Verneiner des Galuth vermeinen im richtigen Geiste der jüdischen Geschichte zu fühlen und zu denken, wenn sie die Periöden' der Zerstreuung als eine gewisse Abweichung vom normalen Entwicklungsgange der jüdischen Kultur am liebsten aus der Geschichte des jüdischen Volkes ausgemerztwissen möchten, um den nach ihrem Dafürhalten jäh abgerissenen Faden wieder aufnehmen und an einem der jüdischen Nationalität konformen Punkte anknüpfen zu können. Wir wollen vorerst gar nicht davon reden, daß die jüdische Nation auf diesen ihren Umwegen zu ihrem ursprünglichen Standort es mittlerweile fertig brachte, recht dauerhafte Zelte aufzuschlagen und recht imposante Kulturzentren zu errichten, von denen manche an Bedeutsamkeit dem palästinensischen ganz gewiß nicht nachstehen. Gerade vom Geiste, der in den markantesten Tatsachen der jüdischen Geschichte in mehr öder weniger ausgesprochener Form zum Ausdruck gelangt, gerade von den treiberiden Kräften der jüdischen Kulturentwicklung wollen wir reden — denn diese Tatsachen sind uns keineswegs nur von außen her zugetragene Ereignisse, die mit den ursprünglichen Tendenzen der völkischen Psyche nichts zu schaffen hätten; die geschichtlichen Episoden sind uns keineswegs eine bloß äußerliche Hülle, deren man sich unter Umständen auch entledigen körinte, nachdem sie zu eng und drückend geworden ist, ohne daß dabei der Geist des Volkes und dessen Kultur in Mitleidenschaft gezogen würde. Gewiß haben die Verkettungen "der geschichtlichen Geschehnisse ihre eigenen, dem Blicke des Beobachters meistens gänzlich verborgenen Gesetze, gewiß sind die elementaren, historischen Faktoren in einem fast unabsehbaren Gewirr von Beziehungen sozial-psychischer, wirtschaftlicher, politischer und sonstiger Natur verankert, die mitunter mit dem *) Vgl. zu diesem und dem folgenden Aufsatz die Anmerkung im vorigen Heft, S. 517. (Anm. d. Reflj). 40*

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