Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Meine Stellung zum nationalen Judentum
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 593 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Meine Stellung zum nationalen Judentum 593 Forscher sind zumeist geneigt, die Juden der späteren Zeit durchaus nicht für Semiten zu halten. Die Reinheit der Rasse ist jedenfalls ein Gaukelbild. Noch jetzt bin ich völlig sicher, daß es keine jüdische „Rasse" gibt. Wenn ich mich lange gegen die Vorstellung gesträubt habe, daß die Juden eine „Nation" bilden, so lag es daran, daß man sonst unter Nation ein gesammeltes Ganzes versteht, das, wenn auch nicht immer gemeinsamen Wohnsitz, doch gemeinsame Sprache hat. In Westeuropa, das ich allein kannte, vereinte keine gemeinsame Sprache die Juden, und in Osteuropa, das ich zwar besucht hatte, worüber ich jedoch wenig wußte, waren die Juden nicht einmal darüber einig, ob außer den Landessprachen Jiddisch oder Hebräisch ihre Sprache sei. Sogar über ihr eigenesi Land waren die Zionisten lange nicht einer Auffassung. Als Herzl 1896 auftrat, wußte er selbst nicht, ob Argentinien oder Palästina als Ziel der Auswanderung vorzuziehen sei. Noch 1905 brachte das Anerbieten der britischen Regierung, den Juden Uganda zu überlassen, Verwirrung in die Reihen der Zionisten. Einige waren für Uganda, viele dagegen. Wie unsicher war außerdem unter Abdul Hamid Palästina als Asyl! Es war zu fürchten, daß, wenn die Juden dort Wohlstand erreichten, die Mohammedaner sie behandeln würden, wie die Kurden die Armenier im Ararat-Lande behandelt hatten. So zwingend notwendig eine Massenauswanderung aus Rußland vor 1905 erscheinen mußte, so möglich schien während der Revolution von 1905 ein Verbleiben im Lande. Diese Gedanken haben mich doch nie zurückgehalten, mein Möglichstes zu versuchen, um die öffentliche Meinung in Bewegung zu setzen, so oft die Juden verfolgt wurden. Schon vor 35 Jahren habe ich meine Stimme für die russischen Juden erhoben. Darnach mehrmals für die rumänischen. Ich habe vor irgend einem Nichtfranzosen, vor Clemenceau und anderen Franzosen, für die Unschuld von Alfred Dreyfus gekämpft, habe sechs Jahre hindurch über seine Sache geschrieben. Dann bin ich für die finnländischen Juden eingetreten, zuletzt für die polnischen. Dies hat mir viele Sympathien gekostet. Denn ich war vorher bei Franzosen, Finnländern, Polen ungemein beliebt. Nichtsdestoweniger bin ich wohl dreißig Jahre hindurch von der internationalen jüdischen Presse verfolgt worden. Immer wieder wurden die dümmsten Beschuldigungen gegen mich aufgetischt. Noch im Jahre 1914, als ich Nordamerika besuchte, gab es in der jüdisch-amerikanischen Presse eine Anekdote, wie ich einem russischen Konsul gegenüber meine Abstammung verleugnet hätte. Ich habe nie einen russischen Konsul gesprochen und einem solchen nie geschrieben. Selten aber wurde ich in einem jüdischen Blatt ohne Hohn und Haß genannt. Sogar meine Bestrebungen für Finnlands Juden wurden in der jüdischen Presse herabgesetzt*). Ich muß noch betonen, daß man sich keine Vorstellung macht, wie schwierig es ist, für unterdrückte Juden sein Wort einzulegen. Man begegnet nicht-unterdrückten Juden auf seinem Weg. Ich schrieb für die rumänischen Juden. Der Aufsatz wurde der Alliance Israe- Hte in Paris zur Veröffentlichung übergeben. Sie scheiterte daran, daß man *) Unseres Wissens hat' Georg Brandes auch in der jüdischen Presse stets ein hohes Ansehen genossen. Sollten namhafte Organe Kritik geübt haben, so ist das vielleicht darauf zurückzuführen gewesen, daß ihnen die Sicherung staatsbürgerlicher Gleichberechtigung für d*e Juden als einziges Ziel des Kampfes nicht genügte. (Anm. d. Red.)« Heft 9. 4°