Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Meine Stellung zum nationalen Judentum
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 592 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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592 Georg Brandes: MEINE STELLUNG ZUM NATIONALEN JUDENTUM Das Judentum ist mir von meinem fünfzehnten Jahr bis zu meinem sechzigsten nur als Religion entgegengetreten. Ich habe in dem Judentum nichts anderes gesehen als eine Religion, und zwar eine Religion, die nicht die meine war. Ein Teil meines Lebens ist in antiklerikalen Kämpfen hingegangen und mein Standpunkt' dem Christentum gegenüber war der des freien Gedankens; kein jüdischer Standpunkt. Die Juden Westeuropas, die dänisch, französisch, englisch, deutsch sprechen, haben sich (seit ihrer bürgerlichen Gleichstellung mit den übrigen Bewohnern des Landes) in der Regel einfach als Dänen, Franzosen, Engländer, Deutsche gefühlt. Wenn sie religiöse Überzeugungen hatten, blieb ihre nationale Stellung hiervon unberührt. Meine Überzeugungen waren aus Spinoza abgeleitet — und er wurde nicht allein von den Christen verabscheut, sondern auch aus der Synagoge ausgestoßen. So geschah es, daß ich mich nur dann als Jude fühlte, wenn ich Jude geschimpft wurde — aber das geschah freilich seit dem ersten Tag meines öffentlichen Auftretens. Ich bin wohl in hundert literarische Polemiken verwickelt gewesen, aber mit einer Ausnahme hat kein einziger meiner Gegner verschmäht, sobald es ihm an Argumenten gebrach, meinen jüdischen Ursprung in Erinnerung zu bringen. So konnte ich unmöglich vergessen, daß ich Jude war, oder richtiger, daß ich als Däne weder in Dänemark noch im Auslande für voll genommen wurde. Das Wort Assimilant existierte in meiner Jugend nicht. Ich habe es nicht gehört, bevor ich 50 Jahre alt war. Ich lehne es entschieden ab, zu den sogenannten Assimilanten gezählt zu werden. Ich habe bis zu meinem 24. Jahr nie eine andere Sprache als Dänisch gesprochen; ich kann noch heute kein Wort Hebräisch; ich bin in dänisch-nationalen Vorstellungen aufgewachsen. Ich habe von Hause aus sprachlich und kulturell nichts Jüdisches an mir gehabt. Die „Assimilation" konnte mir nichts nehmen. Ich bin so alt, daß ich das Jahr 1848 erlebt habe. Als ich 1849 in die Schule geschickt wurde, ging der große befreiende Sturm noch über Europa. Jüdische Schüler waren damals in den Schulen nicht allein nicht weniger geachtet, sondern eher bevorzugt, weil man altes Unrecht an ihnen gutmachen wollte. Weder von Lehrern noch von Kameraden habe ich das Geringste gelitten. Nie habe ich persönlich das Judentum als ein Volkstum betrachtet. Ich teilte die Ansicht Renans, die er in den 80 er Jahren in seinem Buch „Le Judaisme" als Antwort auf den Antisemitismus entwickelte, daß das Judentum eine Religion ist, aber nicht eine Rasse bezeichnet. Renan zeigte^ wie viele nichtsemitische Elemente in den Stamm Aufnahme gefunden haben, wie die Juden Westeuropas zum Teil von Franzosen abstammen, die Osteuropas zum Teil von den Khazaren, die vor tausend Jahren die jüdische Religion angenommen haben. Renan erklärte die jüdischen Typen aus der Einwirkung des Ghettolebens. In unseren Tagen, schrieb ich (1905), haben gelehrte und scharfsinnige Forscher wie der französisch schreibende Goldstein die enorme Blutmischung nachgewiesen, aus der im Altertum der hebräische Stamm hervorging, und die