Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ein Kongress der deutschen Juden
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 590 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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590 Egon Rosenberg: stellen und wird die Organisation und die Mittel schaffen, diese Forderungen durchzuführen. Es soll der Kongreß der Juden aller Länder werden. Auch der deutschen Juden. Oder die deutschen Juden hätten sich freiwillig von der jüdischen Gemeinschaft ausgeschlossen. Gewiß ist durch die russische Revolution die Bedeutung der deutschen Juden geringer geworden, als vordem. Mit dem Augen- blick, da das russische Judentum sein Geschick in seine eigenen Hände genommen und seine ungeheuren kulturellen und moralischen Werte und seine nicht unansehnlichen Mittel in den Dienst der jüdischen Freiheitsbewegung gestellt hat, ist die Rolle des deutschen Judentums als Führer der Gesamtjuden und als Protektor des Ostjudentums ausgespielt. Das Gleichgewicht hat sich verschoben. Wir sind jetzt unserer Zahl und unseren geringen jüdischen Werten entsprechend nur noch ein weniger wichtiger Teil des jüdischen Volkes geworden. Aber wenn wir Juden bleiben wollen, dann haben wir nicht mehr um der Judenheit willen, sondern jetzt um unsretwillen die Pflicht, uns der Gesamtheit des jüdischen Volkes anzugliedern. Es ist für das deutsche Judentum eine Stunde der Entscheidung. Es ist nicht mehr möglich, die Existenz des jüdischen Volkes zu leugnen. Durch die Programme der russischen und amerikanischen Kongresse, des zu erwartenden Kongresses der Juden Österreichs, durch die Erklärung der Führer der englischen Juden ist die Tatsache der jüdischen Nation vor aller Welt festgestellt. Will das deutsche Judentum erklären, außerhalb dieser Nation zu stehen? Durch die Forderungen der jüdischen Kongresse und die Zusicherungen der Regierungen ist der Gedanke der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in allen Ländern zu einem internationalen Gut geworden. Die bürgerliche Freiheit der Juden aller Länder wird fortan mit ihnen geboren. Wollen die deutschen Juden noch weiter an der Auffassung festhalten, daß sie ihre bürgerliche Gleichstellung durch Aufgabe ihres nationalen Wesens bezahlen müssen? Wenn eine ganze Welt für die jüdischen Massen das Recht freier kultureller Entwicklung verlangt, soll das deutsche Judentum, dessen bester Teil bisher seine Aufgabe darin gesehen hat, den Juden des Ostens zu helfen, wortlos beiseite stehen? Und wenn das gesamte Judenvolk daran geht, im Lande der Väter eine Heimat für ein neues Geschlecht zu schaffen, das der Welt den Beweis erbringen soll, daß sie die Freiheit keinem unwürdigem Volke geschenkt hat, soll dann das deutsche Judentum keinen Anteil an diesem Werke haben? Die ungeheuren Erschütterungen und Umwälzungen, die die Judenfrage in diesem Kriege erfahren hat, sind an den deutschen Juden nicht eindrucksios vorüber gegangen. In weiten Kreisen, die sonst den jüdischen Dingen gleichgültig gegenüberstanden, zeigt sich lebendiges Interesse für die jüdische Frage und eine gesteigerte jüdische Gesinnung. Der Methoden, mit denen der Kampf um die Gleichberechtigung geführt worden ist, die man kurz als die Methode der untertänigen Intervention bezeichnen könnte, sind weite Kreise des deutschen Judentums überdrüssig geworden. Im deutschen Judentum drängt es darnach, durch eine machtvolle Demonstration unsere Rechte als Juden in Deutschland zu fordern. Die Berührung mit den Ostjuden, die viele deutsche Juden im Kriege gefunden haben, hat ihnen eine neue Welt erschlossen. Andererseits haben die Äußerungen antisemitischer und asemitischer Kreise zur Frage des Grenzschlusses