Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ein Kongress der deutschen Juden
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 591 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Ein Kongreß der deutschen Juden 591 Gefühle der jüdischen Solidarität im deutschen Judentum hervorgerufen, die der Stimmung für eine Sicherung der nationalen uud kulturellen Entwicklung des Ostjudentums entgegenkommen. Wenn das deutsche Judentum um eine würdevolle Behauptung seiner Stellung in Deutschland kämpfen, wenn es die jüdischen Kulturwerte erhalten und dem Judentum neue Geltung in der Welt verschaffen will, muß es in einem Kongreß der deutschen Juden seine Stimme für die Forderungen erheben, die die Juden der anderen Länder als die allgemeinen Forderungendes jüdischen Volkes aufgesteilthaben. Es kann sich nicht darum handeln, in einer Konferenz von Notabein schwächliche Sympathieerklärungen kunstvoll zu formulieren. Man muß gelernt haben, daß eine neüe Zeit angebrochen ist, in der die alten Methoden in Diplomatie und Politik zusammengebrochen sind. Auch das deutsche Judentum kann keine andere gültige Vertretung anerkennen, als einen auf demokratischer Basis gewählten Kongreß. Es ist noch nicht an der Zeit, über die organisatorischen Einzelheiten dieses Kongresses sich zu äußern. Jedenfalls könnten nicht die bestehenden Organisationen der deutschen Juden allein, die zu ganz anderen Zwecken gegründet worden sind, die Basis des Kongresses bilden. Natürlich muß das Wahlrecht zum Kongreß so gestaltet sein, daß es auch den kleinsten Minoritätsgruppen die Möglichkeit einer entsprechenden Vertretung gibt. Es ist sicher, daß sich gegen den Gedanken des Kongresses diejenigen Kreise der deutschen Juden wenden werden, denen an einer Erhaltung und Fortentwicklung des Judentums nichts gelegen ist. Aber es muß endlich die scharfe Trennungslinie gezogen werden. Die aus dem Judentum heraus wollen, dürfen nicht länger ihre, das Judentum zerstörenden Absichten hinter dem Schein jüdischer Interessen verstecken. Die deutschen Juden aber, die ihr Eigendasein verteidigen und das Leben ihrer Gemeinschaft sichern wollen, werden sich dem großen Geschehen dieser Zeit nicht entziehen können. Der Kongreß der Juden aller Länder, der nach dem Kriege aus den einzelnen Kongresse \ zusammentreten muß, wird die Lösung der Judenfrage in seine Hand nehmen. Für diese Lösung, der die großen Machtmittel des russischen, englischen und amerikanischen Judentums zur Verfügung stehen, ist die Mitarbeit des deutschen Judentums nicht von ausschlaggebender Bedeutung. Für das deutsche Judentum aber ist seine Mitarbeit eine Lebensentscheidung Ein Ausschluß des deutschen Judentums von der Gesamtaktion würde bedeuten, daß es sich selbst aufgibt. Es würde den Zusammenhang mit den Juden der anderen Länder verlieren und damit die stärkste Kraftquelle seiner Existenz zum Versiegen bringen. Selbst in den Ländern der brutalsten Judenverfolgung war eine Vernichtung des jüdischen Volkes unmöglich. Die inneren kulturellen und nationalen Werte des Judentums und die Tatsache seiner Massenexistenz boten den Schutz. Dem deutschen Judentum fehlt beides. Der fortschreitenden Assimilation kann ein isoliertes deutsches Judentum nicht widerstehen. Freilich wäre auch sein Untergang eine Lösung der deutschen Judenfrage. Wer diese Lösung wünscht, wird Gegner des jüdischen Kongresses sein. Die richtige Erkenntnis dieser Gegnerschaft aber muß den Willen zum Leben in die Tatsache des Kongresses umsetzen. Berlin ESon Rosenberg