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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 9 · p. 588

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Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Ein Kongress der deutschen Juden
Date
1922-01-01
Page
588 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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588 Egon Rosenberg: begründet waren. Man suchte auf der Erde die Plätze und Völker, wo die Existenz des Juden die geringsten Widerstände fand, aber auch nur die Existenz des einzelnen Juden, nicht des Volkes als geschlossene Masse. Man glaubte in Amerika und Südafrika Länder und Völker zu finden, die diese Bedingungen bieten, und kam zu einer Politik der Zerstreuung in die Länder des relativ geringsten Judenhasses. Erst Herzl versuchte, eine jüdische Politik ins Leben zu rufen, die auf die Fortentwicklung des jüdischen Volkes, auf seine Freiheit gerichtet waren, wobei Fortentwicklung und Freiheit in demselben Sinne verstanden waren, wie diese Begriffe für alle anderen Völker gelten. Herzl schwebte es vor, einen Kongreß der Juden aller Länder einzuberufen, der in voller Öffentlichkeit das Wesen der Judenfrage darlegen und den Weg weisen sollte, der zur Lösung der Judenfrage führt. Dieser Kongreß der Juden aller Länder ist nicht zustande gekommen. An seine Stelle trat der erste zionistische Kongreß, an Stelle des Volkes, das zielbewußt den Weg zur Freiheit suchte, trat eine Partei, der Zionismus. Für die Juden der Emanzipationsländer war der Begriff einer jüdischen Freiheit jedes lebendigen Inhalts längst entkleidet, und an seine Stelle war der Begriff des persönlichen Wohlergehens getreten, das in dem Maß der staatsbürgerlichen Rechte und Geltung zum Ausdruck kam. Die staatsbürgerliche Gleichstellung der Juden in den Ländern von West- und Mitteleuropa, die der Ideenwelle entsprang, welche im Anschluß an die französische Revolution über diese Länder hinweggerollt war, war von den Gebenden sowohl wie von den Empfangenden als ein Tauschgeschäft aufgefaßt worden, dessen feststehende Bedingung die Aufgabe jeder Sonderheit war. Wenn auch der Zionismus zunächst nur in einer mehr realpolitischen Begründung in Erscheinung trat, witterte das der Assimilation mit richtigem Instinkt, daß in dieser Bewegung ungeheure kulturelle und nationale Werte liegen, deren Einwirkung sich auch die der Emanzipationsländer nicht werden entziehen können. Sie erfaßten sofort, daß mit der Durchführung des zionistischen Gedankens ein neues Element in die Welt treten würde, dessen Ausstrahlung sich auf jedes jüdische Individuum erstreckt und das in dem Maße, wie es die Juden Palästinas glücklicher macht, die Juden der Zerstreuung jüdischer machen muß. Darin aber sah das Westjudentum eine Gefahr für seine Existenz, d. h. eine Gefahr für seine staatsbürgerliche Gleichstellung, immer von der Vorstellung belastet, daß die staatsbürgerlichen Rechte der Lohn für die Aufgabe des eigenen Volkstums seien. In dieser Phase des inneren Kampfes traf der Weltkrieg das jüdische Volk. Er traf es härter als jedes andere, da er seinen Kern, die Judenheit des Ansiedlungsrayons, der zum Kriegsschauplatz geworden war, äufs schwerste erschütterte. Diese Katastrophe rief eine Umwälzung im Denken über die Judenfrage hervor, sowohl bei den Juden, wie bei allen anderen Völkern. Angesichts dieses Unglücks konnte auch die oberflächlichste Judenpolitik nicht mehr hoffen, mit den bisherigen Palliativmitteln helfen zu können. Dem ungeheuren Geschehen mußte mit größerer Tat begegnet werden. Dazu kam die geistige Welle, die, aus dem Krieg entspringend, schon jetzt die besten Geister aller Völker erfaßt hat und eine neue Auffassung von dem Wesen der Freiheit der Völker in sich schließt. Die Pogrome, die die Juden des Ostens in all den Jahren zu erdulden gehabt hatten,

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