Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Ein Kongress der deutschen Juden
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 587 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Egon Rosenberg: Ein Kongreß der deutschen Juden 587 EIN KONGRESS DER DEUTSCHEN JUDEN Wenn man in der Geschichte der Völker zwei Arten von geschichtsbildenden Faktoren unterscheidet, solche, die in dem Wesen jedes Volkes liegen, und solche, die von außen die Geschichte eines Volkes beeinflussen, so fällt es auf, daß die jüdische Geschichte der Diaspora so viel mehr als die anderer Völker von äußeren Geschehnissen und Bedingungen bestimmt ist, die so übermächtig in ihrer Wirkung sind, daß alle aus inneren Bedingungen entspringenden geschichtsbildenden Faktoren nur als Reaktionen auf diese äußeren Bedingungen erscheinen und von einer oberflächlichen Forschung leicht übersehen werden. In einer solchen Geschichtsbetrachtung erscheint beispielsweise die messianische Bewegung ausschließlich als Reaktion auf die Verfolgungen. Auch die Begründung des Zionismus ist aus dieser Auffassung im Anfang der Bewegung eine vorweg negative gewesen. Die Wirkung der äußeren Geschehnisse, die das Leben anderer Völker beeinflußt haben, gleicht nicht im entferntesten der Wucht, mit der die äußeren Bedingungen unserer Existenz auf dem Leben unseres Volkes lasten. Schließlich sind doch die großen äußeren Ereignisse im Leben der anderen Völker, abgesehen von Elementarereignissen, doch mehr oder weniger nicht Ursachen, sondern Folgen des Wesens dieser Völker. Kriege entstanden aus Konflikten, die in den inneren Lebensbedingungen der Volker ihre Ursachen hatten. Unsere Geschichte aber steht dauernd unter dem Druck von Tatsachen, die unserem Wesen nicht entsprechen und unserem Willen in keiner Weise zugänglich sind. Aus der ganzen geschichtlichen Situation des jüdischen Volkes ergab es sich, daß seine Politik nicht aus inneren im Wesen des Volkes liegenden Gründen entsprang, sondern den Stempel der gewaltsamen äußeren Tatsachen trug, indem sie immer wieder von den äußeren Bedingungen beeinflußt war und ihr Ziel nicht darin sah, diese Bedingungen abzuändern, sondern sich ihnen anzupassen. So hat man den Begriff der Freiheit, der für alle Völker ein fest umrissener ist, und die Vorstellung von der Entwicklung nach den inneren Gesetzen, die die Volksindividualität in sich trägt, in ihrer Übertragung auf die jüdische Politik so lange verbogen, bis daraus der Begriff der bürgerlichen Gleichberechtigung geworden ist, wie ihn die Emanzipation als kläglichen Ersatz der jahrhundertealten Träume bot. Die Erkenntnis von der Dürftigkeit dieser jüdischen Freiheit wurde im Rationalismus erstickt und an Stelle des das ganze Volk umfassenden Wunsches nach Freiheit und Glück ist das Streben des Einzelnen nach Ungebundenheit und Vorteil getreten. Es bedurfte katastrophaler Erscheinungen, um über das Maß der persönlichen" Interessen* hinausgehende Gedanken zu erwecken, die der Volksgesamtheit gelten sollten. Diese katastrophalen Erscheinungen waren die Verfolgungen, die die russischen Juden zu erleiden hatten, und der dauernde zermalmende Druck, der auf ihnen und auf den Juden Galiziens und Rumäniens lastete. Aber soweit die durch sie erweckten Gedanken eine jüdische Politik, also ein auf das Volksganze gerichtetes Streben darstellten, trugen auch sie den Stempel der einzigartigen Lage unseres Volkes. Die Lösung der Judenfrage, wie sie diese Politik beabsichtigt, erwuchs nicht *us den inneren Notwendigkeiten des jüdischen Volkes, sondern war nur geleitet von Bedingungen, welche in der Natur und der Lage der anderen Volker