Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Deutschlands Judenpolitik
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 585 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Deutschlands Judenpolitik 585 Gesetz wegen der Organisierung der Juden als Religionsgesellschaft, ohne die Juden selbst im geringsten zu befragen, sie oktroyiert ihnen unter dem steigenden Widerspruch der gesamten jüdischen Intelligenz klerikale deutsch-jüdische Führer in der ausgesprochenen Absicht, ihre nationale Entwicklung zu hemmen. Auch in dem Schulgesetz, in dem sie die jüdischen Schulen vollständig der polnischen Verfügung überläßt, bestimmt sie außerdem ausdrücklich, daß die Juden nicht zu den Nationen gehören, von denen in dem Gesetz gesagt wird, daß die polnische Verfassung sie als Minderheitsnationen anerkennen kann. Indem sie nämlich einen höchst zweifelhaften und ganz äußerlichen Scfmtz für die sogenannten konfessionellen Bedürfnisse der jüdischen Schule festsetzt, erklärt sie außerdem die Juden als religiöse, d. h. also als nicht nationale, Minderheit. Mehr noch: sie ernennt als einzigen jüdischen Vertreter im Staatsrat einen Repräsentanten der ausgesprochenen Assimilation, von dem niemand in Warschau genau weiß, ob er überhaupt noch dem Judentum angehört. Kurzum, es geschieht seitens der deutschen Verwaltung alles, um den polnischen Juden begreiflich zu machen, daß die Deutschen sie nicht als Volk betrachten, geschweige denn als solches respektieren, mit ihnen in keiner Form rechnen und ihnen gegenüber eine Politik treiben, hinsichtlich deren sie offensichtlich es als ganz gleichgültig ansehen, wie sich die polnischen Juden selbst dazu äußern. Dieses Verfahren einem Zwei-Millionen-Volk gegenüber, das sowieso schon gezwungen ist, einen furchtbaren Kampf um seine politische und soziale Existenz mit den Polen zu führen, hat dem Ansehen der deutschen Politik nicht nur bei den polnischen Juden ungemeinen Abbruch getan. In der jüdischen Presse der ganzen Welt erscheinen dauernd Berichte, in denen aufs schärfste Klage über die systematische Vernachlässigung erhoben wird, die die deutsche Regierung den jüdischen Interessen in Polen angedeihen läßt. Manche Dinge, die dort geschehen, insbesondere die eigentümlichen Versuche einer Klerikalisierung der jüdischen Massen, die die deutsche Verwaltung betreibt, erscheinen den Kennern jüdischer Verhältnisse so seltsam, daß manche unter ihnen einen hinreichenden Grund hierfür nur in einer bewußten Absicht der deutschen Politik erblicken können, das polnische Judentum aufzulösen, um es als politischen Faktor bei der Polenfrage auszuschalten und sich etwa so den Dank des neuen polnischen Staates zu verdienen, dessen Sympathie man um jeden Preis erringen wolle. Wir sind gewiß nicht der Meinung, daß der deutschen Judenpolitik in Polen derartig machiavellistische Ideen zugrunde liegen. Wir sind überzeugt, daß für die Prinzipien dieser Politik im Grunde nur die völlige Unkenntnis der jüdischen Verhältnisse und die absolute Verkennung der politischen Bedeutung des jüdischen Volkes bei den leitenden Faktoren verantwortlich ist. Eben dieses ist es, was wir auf das äußerste beklagen. Es ist auch in diesen Blättern wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die deutsche Judenpolitik in Polen weder den jüdischen noch den polnischen noch auch den deutschen Interessen entspricht. Für den polnischen Staat wäre es gewiß das einzig Richtige, wenn er durch Befriedigung der nationalen Wünsche seiner Minderheitsnationen zur inneren Ruhe gelangte. Er wird diese Ruhe nicht haben — dessen muß er gewiß sein —, solange er diesen Wünschen nicht entgegenkommt. Im deutschen Interesse aber liegt es sicherlich nicht, alle die Faktoren künstlich auszuschalten, die geeignet sind, das polnische Nationalitätsbewußtsein vor jener