Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Deutschlands Judenpolitik
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 586 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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586 Theodor Behr: Deutschlands Judenpolitik Überspannung zu bewahren, in die es erfahrungsgemäß immer wieder verfällt. Man könnte ja mancherlei sagen über die eigentümliche Zwiespältigkeit der deutschen Politik im Osten, sowohl den Polen wie den Juden gegenüber, und man kann wirklich nur schwer die Grundlagen einer Politik begreifen, die im Norden des besetzten Gebietes die Schaffung von andersnationalen Pufferstaaten als Damm gegen den polnischen Chauvinismus für nötig hält, und in Polen selbst alle diese Dämme, wie sie in der Existenz nichtpolnischer Nationen daselbst bestehen, einreißt. Jedenfalls steht die Tatsache fest, daß die ganze Politik der Deutschen gegenüber den Ostjuden, insbesondere aber gegenüber den polnischen Juden, bei diesen selbst und bei den Juden der ganzen Welt das äußerste Befremden und den entschiedensten Widerspruch hervorgerufen hat, und man fragt sich vergebens: Cui bono? Der grundsätzliche Fehler der deutschen Judenpolitik liegt klar zutage; es ist die Verkennung der Stärke der jüdischen Nation. Die Deutschen waren zu sehr daran gewöhnt, jüdische Dinge ausschließlich unter dem Gesichtspunkt einer konfessionellen Angelegenheit zu betrachten. Und sie haben auch im Kriege nicht umzulernen verstanden. Die anderen Völker waren darin viel besser orientiert und haben viel schneller die Forderungen des Tages begriffen. Es ist dem jüdischen Volke nicht mehr bange um seine Zukunft. Ob dieser Krieg ihm schon die Erfüllung seiner nationalen Wünsche bringt, oder ob es noch heftige Kämpfe darum auszustehen haben wird, das Eine ist sicher: die prinzipielle Entscheidung ist bereits gefallen, und sie ist dafür gefallen. Und es ist auch dem Zionismus nicht zweifelhaft, daß ihm die Zukunft die Erfüllung seiner Wünsche bringt. Das jüdische Volk steht dahinter, und die Politik der einen Hälfte der Welt und die .Sympathien der ganzen sind jetzt schon auf seiner Seite. Es war der Traum nicht der Schlechtesten unter den jüdischen Nationalisten, daß Deutschland bei der Lösung des jüdischen Problems eine entscheidende Rolle spielen würde. Sie sahen in dem Zusammengehen des großen Deutschen Reiches mit der Macht des jüdischen Volkes eine glückverheißende Entwicklung, von der beide Seiten reichen Vorteil genießen würden. Inzwischen ist das deutsche Volk in den Kampf um seine Existenz eingetreten, und es hat erleben müssen, daß es ganz einsam wurde und daß bis auf wenige Ausnahmen alle seine Freunde, die wahren und die falschen, von ihm abfielen. Allmählich ist man auch in Deutschland bedenklich geworden ob dieser Erscheinung, und neulich erst hat der neue Staatssekretär des Äußern es als seine erste Pflicht erklärt, sorgsam darauf zu achten, daß nicht noch mehr neutrale Mächte sich auf die Seite der Gegner stellen. Es hat sich gezeigt, daß es nicht mehr in der Hand Deutschlands liegt, dies unter allen Umständen zu verhindern. Um so mehr sollte man meinen, müßte es darauf bedacht sein, sich die Sympathien nicht zu verscherzen, die sich zu erhalten ausschließlich bei ihm selbst liegt. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler der deutschen Politik, wenn sie es endgültig unterließe, das Wenige zu erfüllen, was die Juden von Deutschland erwarten. Das ist, um es noch einmal kurz zusammenzufassen; die Anerkennung der jüdischen Nation als eines eigenen Volkes mit nationalen Rechten in den Ländern des Ostens, wo die Juden in Massen gesiedelt sind, sowie die Anerkennung der jüdischen Forderung auf Schaffung eines jüdisch-naticnalen Zentrums in Palästina. Was die Juden dafür zu geben imstande sind, ist hier zur Genüge ausgeführt worden. Theodor Behr