Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1922-01-01 · Heft 9 · p. 584

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Deutschlands Judenpolitik
Date
1922-01-01
Page
584 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3101111-3101126-3101134-3102731--1994-3102760
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

584 Theodor Behr: nationalen Wünsche der Juden zum Opfer gebracht haben. Hier ist völlig versäumt worden, die Sympathien des jüdischen Volkes für Deutschland zu erhalten, im Gegenteil, fast alles was geschah, schien darauf berechnet, ersichtlich zu machen, wie sehr die deutsche Regierung die nationale Stärke und politische Bedeutung des jüdischen Volkes geringschätze. Es braucht nicht mehr in eine Untersuchung darüber eingetreten zu werden, ob die polnischen Juden eine Nation darstellen oder nicht. Diese Frage ist erledigt, und wenn die deutsche Verwaltung in Ober-Ost mit einem gewissen Nachdruck veröffentlichen läßt, daß sie an dem Begriff der jüdischen Nationalität in Litauen flicht zweifle und ihre Gleichstellung mit den anderen Nationen durchgeführt habe, so beweist das am besten, daß diese Frage von der deutschen Verwaltung nicht als eine prinzipielle, sondern als eine der politischen Taktik betrachtet wird. In Ober-Ost paßt es in das politische System, die jüdische Nation anzuerkennen, in Polen nicht, und daher die sich entgegenstehende Auffassung der beiden Verwaltungen. Man begreift, daß es dem jüdischen Volke wie eine Schmach erscheinen muß, seine Existenzrechte lediglich unter dem Gesichtspunkte des politischen Spiels gewertet zu sehen. Wir wollen uns zudem über. den tatsächlichen Umfang der Anerkennung der jüdischen Nationalität in Ober-Ost keinen Illusionen hingeben. Bis zu einer für die Zukunft verbindlichen Form hat sie sich noch nicht verdichtet, und während die Verwaltung den Umstand, daß sie ihre Bekanntmachungen zum Teil auch in jüdischer Sprache erscheinen läßt (was doch die Praxis des täglichen Lebens notwendig macht), als einen Beweis für ihre Gleichachtung der jüdischen Nationalität hinstellt, hütet sie sich andererseits ängstlich davor, der jüdischen Nation die Attribute zuzuerkennen, die ihre Anerkennung als Nation durch die Deutschen ein für allemal ersichtlich machen würden. So tragen, um ein ganz kleines Beispiel anzuführen, die Ober-Ost-Rubelscheine ihren Aufdruck außer in deutscher auch in polnischer, litauischer und lettischer Sprache, während die jüdische oder gar die hebräische fehlt. Immerhin kann man bei der Verwaltung von Ober-Ost ein gewisses Bestreben wahrnehmen, den jüdischen und sogar den jüdisch-nationalen Wünschen gerecht zu werden. In Polen aber, wo die Zahl der Juden unendlich viel größer ist und ihre politische und soziale Bedeutung erheblich mehr ins Gewicht fällt, als in Litauen, läßt die, deutsche Verwaltung keine Gelegenheit vorübergehen, ohne erkennen zu lassen, daß sie die Juden nicht nur nicht als Nation anerkennt, sondern sie sogar als eine quantite nSgligeable betrachtet. Bei allen Verhandlungen über die Zukunft des polnischen Staates sind die Juden vollständig ausgeschaltet, und ausdrücklich werden sie wegen der Sicherung ihrer nationalen Existenz nur auf das polnische Entgegenkommen hingewiesen. Nun wollen die polnischen Juden ihre nationalen Rechte gewiß nicht unter dem Schutz der deutschen Bajonette erlangen, aber sie haben ein Recht, zu fordern, daß die Neugestaltung des polnischen Staates, von wem immer sie ausgeht, nicht ohne sie, oder gar gegen sie erfolge. Beides geschieht aber seitens der deutschen Verwaltung. Noch mehr, sie kann sich nicht genug darin tun, den Juden ausdrücklich zu bescheinigen, daß sie sie nicht als Nationalität anerkennt, daß sie in ihnen nur eine Religionsgesellschaft sieht Während sie die Juden wegen ihrer politischen Rechte an die Polen verweist, greift sie selbst dauernd und höchst störend in das jüdisch-politische Leben ein. Sie erläßt ein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.