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Der Jude · 1922-01-01 · Heft 9 · p. 582

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
2 (1917-1918)
Issue
Heft 9
Article
Deutschlands Judenpolitik
Date
1922-01-01
Page
582 (sequence 6)
Language
German
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582 Theodor Behr: — und es besteht gar kein Grund, daran zu zweifeln. Aber man kann sich doch des Eindrucks nicht erwehren, daß die deutsche Regierung nicht gewillt ist, über die — recht eng gezogenen — Grenzen dieses Schutzes hinauszugehen. Es ist offenbar so, daß bei der Abwägung der verschiedenen Interessen die Bedeutung der jüdischen Interessen für die deutsche Außenpolitik in Deutschland unterschätzt wird. Man ist in Deutschland noch zu wenig* vertraut mit dem Begriff der jüdischen Nation, des jüdischen Einheitswillens, der jüdischen Volkspolitik. Man kann sich noch nicht so recht vorstellen, daß dies Dinge, sind, die von politischer Bedeutung werden können. Auch darüber läßt sich ja schwer etwas Genaues sagen. Immerhin sollte die Tatsache, daß die Ententeregierungen und die öffentliche Meinung in den Ententeländern sich in einer fast geschlossenen Einmütigkeit für die jüdisch-nationalen Forderungen ausgesprochen haben und, was nicht bezweifelt werden kann, auch dafür einsetzen, zu denken geben. Auch wenn man sich mit dem Einwände begnügen will, daß es diesen Regierungen nur darauf ankomme, sich auf wohlfeile Weise die Sympathien des jüdischen Volkes zu sichern, so liegt darin schon einbegriffen, daß diesen Sympathien von der Entente offenbar Gewicht heigemessen wird. Zudem aber trägt die bekannte Erklärung der englischen Regierung an die englischen Zionisten einen derart offiziellen Charakter und ist von der ganzen öffentlichen Meinung der Entente und der Neutralen als eine so unbedingt verbindliche hochpolitische Erklärung aufgenommen worden, daß gar kein Grund vorhanden ist, sie weniger ernstzunehmen, als etwa die Polen betreffenden Enunziationen der beiden Mächtegruppen. Es sind aber nicht nur die Regierungen der Entente, die ihrem Interesse für die jüdischen Forderungen Ausdruck gegeben haben. In den Friedenszielen der englischen Labour Party wird ausdrücklich der Befriedigung der jüdisch-nationalen Wünsche, insbesondere auch wegen Palästinas, das Wort geredet, in dem für die Stockholmer Konferenz bestimmten Communique der französischen Sozialisten waren sie ebenfalls enthalten, und der Bericht des holländisch-skandinavischen Komitees für die Stockholmer Konferenz hat ausdrücklich das Selbstbestimmungsrecht der jüdischen Nation in den Ländern der jüdischen Massensiedlung im Osten und den Schutz der jüdischnationalen Kolonisation in Palästina proklamiert. Man sieht, daß über diesen Punkt eine weitgehende Einhelligkeit bei den für den Friedensschluß in Frage kommenden Faktoren auf der Ententeseite und bei den Neutralen besteht, und es wäre gewiß verfehlt, sich darüber leicht hinwegzusetzen. Welche Gründe immer die Ententepolitiker zu ihrer Stellungnahme veranlaßt haben mögen, die jüdisch-nationale Frage ist auf der Ententeseite heute so gut wie endgültig entschieden, und die Entente hat damit zweifellos einen außerordentlichen Vorsprung sich gesichert. Wir glauben aber nicht, daß es für Deutschland so schwer oder gar unmöglich wäre, diesen politischen Gewinn den Gegnern wieder zu entreißen. Da die absolute Loyalität der zionistischen Bewegung gegenüber der Türkei einwandfrei feststeht, da es ebenso feststeht, daß die jüdische Kolonisation Palästinas dem Lande und dem Staate nur Vorteil bringen kann, so könnte sicherlich von türkischer Seite nichts Ernsthaftes dagegen eingewendet werden, wenn auch die deutsche Regierung ihre freundliche Haltung gegenüber den jüdischen Palästinawünschen irgendwie zu erkennen gäbe. Keinesfalls aber dürften Maßnahmen, wie =sie getroffen wurden und wie sie leider noch zu befürchten sind, hin-

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