Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Deutschlands Judenpolitik
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 581 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Deutschlands Judenpolitik SU öffentliche Meinung der ganzen Welt ist sich darüber einig, daß, wenn Deutschland solche Dinge nicht zulassen wollte, sie sich nicht ereignen könnten. Bis dahin war nicht zum wenigsten unter dem Eindruck, den das Verbleiben der Leitung der Zionistischen Organisation während des Krieges in Berlin hervorgerufen hatte, die Meinung vorherrschend, daß die ungestörte Existenz der jüdischen Siedlung in Palästina gegenüber den verschiedenen Übergriffen türkischer Organe höheren oder niederen Grades eben auf der Einwirkung beruhe, die das Deutsche Reich in diesem Punkte ausübe. Nun zeigte sich, daß in einem so evidenten Falle diese angenommene Einwirkung nicht vorhanden war oder hersagte. Selbstverständlich benutzte die ganze deutschfeindliche Presse diese erwünschte Gelegenheit, um in übertriebener Manier und in Sensationsmeldungen die Deutschen des „Massakers" an der jüdischen Bevölkerung Palästinas zu zeihen. Es war für die deutsche Regierung gewiß keineswegs so einfach, diesem Sturm entgegenzutreten. Denn hier kam zu der deutschfeindlichen Tendenz die ungeheure Liebe dazu, die das Judentum der ganzen Welt für Palästina hat, die unzerreißbare Anhänglichkeit, mit der es an der jüdischen Siedlung in Palästina hängt, die heiligen Hoffnungen, die es mit dem völkischen Wiederaufbau in Palästina verknüpft. Dies alles schien zerstört von einer Armee, die im engen Bündnis mit der deutschen steht und von der man weiß, daß deutsche Offiziere und deutsche Mannschaften ihr beigegeben sind. Die ganze Enttäuschung, der ganze Schmerz richtete sich gegen Deutschland. Man hatte eine besondere Beruhigung darin gesehen, daß Palästina sozusagen unter deutschem Schutz stand, und jetzt sah es so aus, als ob dieser Schutz nicht vorhanden wäre. Das Gefühl, das diese Vorkommnisse bei den Juden der ganzen Welt hervorgerufen haben, war unbeschreiblich und sehr im Sinne einer Politik, die darauf bedacht ist, den Rest an Sympathie, über den Deutschland draußen noch verfügt, zu zerstören und für sich einzufangen. Die deutsche Regierung hat sich in der Öffentlichkeit darauf beschränkt, die Richtigkeit der Sensationsmeldungen zu bestreiten. Sie hat durch nichts erkennen lassen, daß sie bereit sei, auf die türkische Regierung dahin einzuwirken, daß sie sich der jüdischen Siedlung in Palästina gegenüber freundlicher stellte, als dies bisher geschehen ist. Inzwischen sind Monate ins Land gegangen. Man weiß draußen, daß die jüdischen Evakuierten bisher keine Möglichkeit hatten, in ihre Häuser zurückzukehren, daß sie schutzlos den Unbilden des palästinensischen Winters ausgesetzt sind und man damit rechnen muß, daß unter solchen Umständen Tausende von Juden verhungern, erfrieren, an Seuchen zugrunde gehen. Und es steht noch keineswegs fest, daß es bei den bisherigen Evakuationen bleibt. Vielmehr sind neuerdings Nachrichten eingetroffen, die weitere Austreibungen von Juden befürchten lassen. Es ist daher zu gewärtigen, daß ein großer Teil der jüdischen Kolonisten in Palästina durch behördliche Maßnahmen zerstört und die jüdische Siedlung in Palästina in ihren besten Stützpunkten ausgerottet wird. Welchen Eindruck dies im Auslande hervorrufen, wie sehr dadurch das Judentum der ganzen Welt zu einer leidenschaftlichen Abwehr zusammengeschweißt werden würde, steht nach allem fest. Die deutsche Regierung wünscht eine solche Entwicklung ganz gewiß nicht. Es ist wiederholt öffentlich gesagt worden, daß die deutsche Regierung der jüdischen Siedlung in Palästina im Kriege ihren Schutz hat angedeihen lassen