Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Deutschlands Judenpolitik
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 580 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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58o Theodor Behr: früher oder später das für die Verwirklichung ihrer Absichten erforderliche Verständnis bei der Türkei gefunden hätte. Im Kriege allerdings hat sich die Situation wesentlich verändert. Es ist insbesondere der Oberbefehlshaber des türkischen Heeres in Palästina, Djemal Pascha, der sich der jüdischen Siedlung in Palästina im allgemeinen und den zionistischen Bestrebungen im besonderen ausgesprochen feindlich gegenüberstellt. Er erklärt, in den zionistischen Absichten nur die Vorläufer einer separatistischen Bewegung sehen zu können. Aus diesem Grunde geht er mit der ganzen Unbedenklichkeit orientalischer Despotie gegen die jüdische Siedlung in Palästina vor. Tatsachen, die die Behauptung von der separatistischen Tendenz der zionistischen Bewegung irgendwie stützen können, kann Djemal Pascha nicht beibringen. Der Umstand, daß sich die öffentliche Meinung in der ganzen Welt und insbesondere in den Entente-Ländern in immer ausgesprochenerem Maße für die jüdischen Forderungen hinsichtlich Palästinas einsetzt, kann unmöglich als Argument gegen sie angeführt werden. Gewiß steht die öffentliche Meinung in Amerika ebenso wie in England vollständig auf dem Boden der jüdischen Forderungen, und zwar drückt sich dies hier entsprechend dem Kriegszustande darin aus, daß in Amerika eine jüdische Republik in Palästina verlangt wird und in England eine freie jüdische Siedelung unter englischer Schutzherrschaft Auch ist es wahr, daß die Regierungen der Ententeländer sich für diese Forderungen ausgesprochen haben. Es erscheint jedoch recht töricht, deshalb, weil die Ententeregierungen die zionistischen Forderungen im Sinne ihrer eigenen Politik ausdehnen und ausdeuten, diese Forderungen selbst als türkenfeindlich zu verdächtigen. Vielmehr würde ein Entgegenkommen gegenüber den jüdischen Wünschen der Politik der Entente in diesem Punkte das Wasser abgraben in einer Form, die dem türkischen Staate selbst nur zum Heile gereichte. Denn es ist gewiß, daß die Türkei von einem Eingehen auf die jüdischen Wünsche hinsichtlich Palästinas nur Vorteil haben könnte. Ein ödes Land würde zu einem Kulturzentrum, ein gefährdeter politischer Außenposten würde einer der Ecksteine des Reiches. Die Sympathien der gesamten Judenheit würden dem Türkischen Reiche sicher sein, und das ist heute mehr als eine Redensart. Der einheitliche Wille des allweltlichen Judentums, wie er sich in diesem Kriege in seinen gemeinsamen Forderungen verdichtet hat, wird sich nach dem Kriege auch in seiner Macht zeigen. Und daß diese Macht auf dem Gebiet der Finanzen, der öffentlichen Meinung, der Beeinflussung der Politik nicht gering ist, steht heute fest. Man kann nur wünschen, im Interesse der harmonischen Entwicklung des jüdischen Volkes ebenso wie der gedeihlichen Zukunft des Türkischen Reiches, daß die türkischen Staatsmänner noch rechtzeitig sich dieser Möglichkeiten bewußt werden und sich nicht zu Dienern einer Politik machen, für die in diesem Kriege die Schicksalsstunde geschlagen hat. Etwas von dieser Voraussicht möchte man auch den deutschen Staatsmännern wünschen. Denn darüber kann kein Zweifel bestehen: ob es dies will oder nicht und ob es dies zugibt oder nicht, Deutschland ist in Zukunft verantwortlich für das, was in der Türkei geschieht. Als die Nachrichten von der Evakuation Jaffas zuerst bekannt wurden und als man von der schweren Lage erfuhr, in die die davon betroffene jüdische Bevölkerung Palästinas geraten war, erhob sich in der internationalen Presse ein Sturm gegen Deutschland. Die