Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 2 (1917-1918)
- Issue
- Heft 9
- Article
- Deutschlands Judenpolitik
- Date
- 1922-01-01
- Page
- 579 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Deutschlands Judenpolitik 579 discher Massensiedlung und der Schaffung eines nationalen jüdischen Zentrums in Palästina ausspricht. In Österreich als dem einzigen Lande der Zentralmächte, das als ein Land jüdischer Massensiedlung bezeichnet werden kann, ist eine ähnlich laufende Bewegung in der Entwicklung begriffen und wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, in demselben Maße und derselben Art fortschreiten wie überall, wo jüdisches Volkstum besteht. Die erwähnten Forderungen kommen für Deutschland nur unter dem Gesichtspunkt seiner Außenpolitik in Betracht. Die 600,000 deutschen Juden, nicht einmal 1% seiner Bevölkerung, verlangen keineswegs als nationale Einheit gewertet zu werden. Die Anerkennung der Juden als Nation innerhalb des Deutschen Reiches kommt somit nicht in Frage. Dagegen berührt das jüdischnationale Programm die deutschen Interessen im Orient und an der Ostgrenze des Deutschen Reiches. Die Forderung eines nationalen Zentrums für das jüdische Volk in Palästina ist zunächst zweifellos eine solche, die bei den Türken erhöben werden muß- Die Zionisten haben dies auch stets getan, und in ihrem Programm nahm die loyale Haltung gegenüber der türkischen Regierung stets die erste Stelle ein. Erst vor kurzem hat der Führer der russischen Zionisten, der stellvertretende Vorsitzende, der zionistischen Gesamt-Organisation, Dr. Tschlenow, in einer vielbemerkten Rede der unwandelbaren loyalen Haltung der Zionisten gegenüber dem Türkischen Reiche Ausdruck gegeben. In der zionistischen Bewegung und in den zionistischen Forderungen ist nichts enthalten, was dem türkischen Staatsgedanken abträglich sein könnte. Die Zionisten wollen nichts als die Möglichkeit, sich in Palästina ein nationales Zentrum im Rahmen des Türkischen Reiches zu schaffen, ein Zentrum, in dem das jüdische Volk seine brachliegenden Kräfte in einer seiner Wesenheit entsprechenden Form ausleben lassen könnte, zum Besten nicht zum wenigsten des türkischen Staates, für den Palästina dann wieder das fruchtbare Land würde, das es im Altertum gewesen ist. Daß die Türkei, wie jedes menschenarme Land, ohne fremde Hilfe nicht imstande ist, ihr Land und insbesondere so abgelegene Gegenden wie Palästina zu kultivieren, ist nun einmal eine Tatsache, und daran vermögen noch so gute Absichten, die heute geäußert werden, und noch so lebhafte Beteuerungen türkischer Staatsmänner und Feldherren nichts zu ändern. Der natürliche Reichtum Palästinas ist unausgenutzt und wird es bleiben dort, wo nicht fremder Fleiß das Land fruchtbar macht. Der arabische Fellache, bar aller Initiative und kulturschöpferischen Kraft, wird niemals der Kolonisator dieses Landes werden. Sehr in Betracht kommende türkische Kreise haben dies auch längst anerkannt, und in der Tat reden die Tabellen über den Steuerzuwachs z. B. der Gegenden, in denen die jüdischen Kolonien sich befinden, und den Wertzuwachs, den daselbst der Grund und Boden erfahren hat*), eine überzeugende und allgemein anerkannte Sprache., Bis zum Kriege war die Stellung der türkischen Regierung dieser Frage gegenüber nicht unfreundlich. Die Führer des jungtürkischen Komitees konnten sich dem überzeugenden Eindruck, der von der blühenden jüdischen Siedlung in Palästina ausging, nicht entziehen, und man kann wohl sagen, daß bei ungestörter Entwicklung der Verhältnisse die zionistische Organisation voraussichtlich VVgl. neuerdings Fritz Sternberg, Die wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus für die Türkei, Der Jude, Oktober 1917, S. 437fr, insbesondere 444 f. 39*